Leon Campen

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E25.06.17

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Halali

  Es ist schlimm! Wirklich sehr schlimm! Hier will einer eine Frau heiraten, die 56 Jahre jünger ist als er! Zudem ist sie auch noch eine Ausländerin. Keine Schwarze, aber eine dunkelhäutige Frau aus dem fernen Osten. Ich bin entsetzt, entrüstet ob solcher Frechheit. Meine Eltern hätten mich eingesperrt, wenn ich mit einem Ansinnen gekommen wäre, einen derart viel älteren Mann heiraten zu wollen. Das ist doch unmoralisch, eine Ehe schließen zu wollen, in der die Frau 56 Jahre jünger ist als er. Das werde ich verhindern von Amtswegen. Ich werde die Sache mit meinem bekannten Kollegen von der anderen zuständigen Behörde besprechen. Als verantwortliche Standesbeamtin fühle ich mich moralisch verpflichtet, solchem Treiben einen Riegel vorzuschieben. Ich lasse den Kerl jetzt zuerst einmal vor meinem Bürotisch warten, gehe im Nebenraum ans Telefon und bespreche die Sache mit dem Herrn von der zuständigen Ausländerbehörde, was das hier soll. Pfui! - Hallo Meister!!! Ich erkläre es dir: ...

Hallo Meisterin: Ach, der ist das? Den kenne ich doch schon! Der wurde vor einem Jahr geschieden von einer Philippinerin, die 49 Jahre jünger war als er. Ist doch kaum vorstellbar: Jetzt will er sogar eine Frau heiraten, die 56 Jahre jünger ist als er? Woher weißt du das? - Achso, der sitzt bei dir im Büro auf dem Standesamt. Das müssen wir sofort besprechen. Gib acht, dass er nicht hören kann, was du sagst. Wir machen ihm das kaputt, wir lassen Willkür und Schikane walten, ziehen alles in die Länge, bis er es aufgibt und sich davonmacht. Wenn das nicht klappt, dann sorge ich am Ende dafür, dass die Deutsche Botschaft in Manila nicht anders kann, als das Visum für seine neue Philippinerin abzulehnen, denn schließlich werde ich keine Zustimmung zur Einreise nach Deutschland geben, und dann sind der Botschaft die Hände gebunden. -  Also, wir sind uns einig! Halali - die Jagd beginnt.

Ich stelle fest: Sie waren schon einmal verheiratet. Hier ist die Liste mit den Papieren, die Sie und ihre Verlobte beibringen müssen für die Beantragung einer Heirat in Deutschland. Das ist nicht sicher, das Sie das durchkriegen. - Ah, Sie wollen wissen warum? Da gibt es manchmal Willkür und Schikane. Bringen Sie ihren Einkommensnachweis, Geburtsurkunde, Ehefähigkeitszeugnis und alles Weitere, was Sie hier auf der Liste steht. Und dort steht auch, was ihre Verlobte vorlegen muss.

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Da sind Sie schon wieder! Zeigen Sie, was Sie bisher in den drei Wochen erreicht haben: Aha - Geburtsurkunde in deutscher Sprache, die muss auch als beglaubigte Übersetzung ins Englische vorliegen - überhaupt alle Schriftstücke müssen in deutscher und beglaubigter Form in Englisch eingereicht werden - und was ist denn das? Ihr Einkommensnachweis? - Der ist ja schon vier Monate alt - da müssen Sie demnächst einen aktuellen Nachweis vorzeigen.

Hallo Meisterin: Wie sieht es aus, Kollegin? Hat er nicht sofort aufgegeben?

Leider nein! Aber ich habe sofort die zuständigen Behörden in den Philippinen angewiesen, mit aller Akribie  Personenstandüberprüfungen durchzuführen, mit dem Hinweis, dass es sich um einen Betrugsversuch handelt. Mann soll alles extra ausführlich mit allen möglichen Verzögerungen und mit größter Akribie betreiben, damit ihr Verlobter viel zahlen muss und die Verlobte sich eingesteht, dass sie mit ihrem Ansinnen nicht durchkommt und bald aufgibt. Denn wir sind ja sicher, dass sie nur nach Deutschland kommen will, um dann hier illegal unterzutauchen. Da ist garantiert keine Liebe dahinter. - Ich habe dem Bewerber auch noch nicht alle Listen gegeben, was er und sie beibringen müssen, damit ich später reklamieren kann, dass nicht alles vollständig ist. Du, der Mann ist naiv und stockdumm. Den lassen wir bei jeder Gelegenheit ins offene Messer laufen. Das macht Spaß! 

Wir sind uns einig, den oder die schießen wir ab. Halali! Und alles bleibt unter uns!

  Klar! Beim nächsten Besuch sage ich ihm, zuerst müsse seine Verlobte alle erforderlichen Papiere beibringen und ich biete ihm an, er möge alle gesammelten Papiere bei sich behalten und ich gebe ihm die schon eingereichten Unterlagen zurück, damit sein Einkommensnachweis nicht mehr in meinen Händen ist. Tschau!

Halali! Melde dich bitte,  wenn es was Neues gibt! Tschüss!

Hallo Kollege vom Ausländeramt. Ich habe interessante Neuigkeit. Stell dir vor, unsere Zielperson wäre uns beinahe durch die Lappen gegangen.

Wieso?

Irgendjemand hat diesen geschmacklosen Kerl, bequatscht, es wäre doch interessanter, seine Verlobte Juliana erst einmal nur für drei Monate als Touristin zu sich einzuladen und das Ansinnen mit der Heirat mit ihr hier in Deutschland auf später zu verschieben. Da habe ich ihm Hilfsbereitschaft vorgemimt, ihm unterbreitet, das wäre doch zu schade, alles Geld, das er bisher investiert habe, das wäre dann verloren, und die spätere neue Beantragung einer Heirat müsste wieder ganz von vorne beginnen. - So ist es mir gelungen, ihn in der Falle zu halten, aus der er niemals entkommen soll. So ein geschmackloser, dämlicher alter Knacker, der eine Dreiundzwanzigjährige heiraten will. Da fehlen einem doch die Wörter, diesen Skandal zu beschreiben. Der Reinfall mit der Vorgängerin, die kurz nach der Heirat mit ihm eine Beziehung mit einer Afrikanerin einging und dieser Farbigen fortan hörig war, dieser Reinfall hatte unsere Zielperson nicht weiser werden lassen können. Da sieht doch jeder, wie naiv und dämlich er ist. 

Gut gemacht! Aber der Fall ist längst sowohl bei den philippinischen Behörden als auch bei der Deutschen Botschaft in Manila registriert. Deshalb wird die Frau niemals ein Visum bekommen für Deutschland, auch nicht als Touristin. Lassen wir diese betrügerischen Bluffer zappeln. Ich bin sicher, dass keine eheliche Gemeinschaft angestrebt wird und dass die beiden über kurz oder lang den Versuch aufgeben werden, uns zu täuschen.

Er war wieder hier, brachte unter anderem eine falsche Verpflichtungserklärung. Die habe ich so zu den Akten genommen. - Er sollte den Einkommensnachweis erbringen, einen eines neueren Datums. Der war aber auch schon wieder zwei Monate alt. Da zeigte er mir die Fotokopie seines Bankauszuges mit der aktuellen Überweisung. Die habe ich ihm aus der Hand gerissen und die Annahme der Bezügemitteilung des Landesamtes verweigert mit dem Hinweis: "Ich mache mir schnell eine Kopie von ihrem Bankauszug". So habe ich nur die Seite mit seiner verdammt hohen monatlichen Rente kopiert - aber auf dieser Seite steht sein Name nicht. Die Kopie werde ich so weiterleiten, damit wir später sagen können, es fehlt der Beweis, dass dies seine Rente ist. Klug wa!

Prima! Seine Juliana wird derzeit in den Philippinen an immer neue Ämter verwiesen, wo sie Papiere beibringen und amtlich bestätigen lassen muss. So kann sie die Inseln und Städte aufsuchen, wo die einzelnen Beweistücke zu finden sind. Jetzt nach fünf Monaten hat die Deutsche Botschaft ihre Unterlagen angeschaut und ihr mit Bedauern erklärt, es seien etliche Fehler und Unklarheiten in ihren Unterlagen. Das müsste alles aufgeklärt werden. So habe zum Beispiel ihr Vater zeitlebens viele Urkunden unterschrieben, aber die Unterschriften seien nicht alle identisch. Jetzt muss Juliana noch mal viele Stationen abklappern und letzen Endes muss eine Kommission mit Notar, Rechtsanwalt und Gläubigern zu ihrem im Rollstuhl sitzenden Vater an der Ostküste zum Pazifik bestellt werden, wo amtlich bescheinigt werden soll, ob die Unterschriften alle von demselben Menschen stammen, der sich Vater von Juliana nennt und einen Eid ablegen muss, dass diese Unterschriften tatsächlich alle von ihm stammen. Dann werden von allen Urkunden Kopien mit der amtlichen Bescheinigung angefertigt, dass die Unterschrift echt ist. - Es laufen noch andere Schikanen und Verzögerungstaktiken, so dass das Prozedere bis zur Annahme der Papiere bei der Deutschen Botschaft noch einige Monate dauern wird. Kannst du ihn hier in seinem Wohnort mal unbemerkt ein Bisschen auskundschaften? Für alle Fälle? 

Hallo Meister: Er ist wieder in den Philippinen wie im letzten Winter. Bestimmt wird er des Wartens überdrüssig und gibt den ganzen Plan auf, eine Philippinerin zu heiraten. Warten wir es ab. So eine Schande, mit einem so fürchterlichen Altunterschied heiraten zu wollen. Wir verhindern das und das schaffen wir. Mindestens sechs Wochen, so hat die Deutsche Botschaft in Manila erklärt, werde jetzt die Bearbeitung ihres Antrages auf ein Visum für die Heirat in Deutschland dauern. Diese sechs Wochen sind nun schon vorbei und der dumme Heiratskandidat ist wieder im Lande und glaubt, seine Verlobte bald hier bei uns in der Stadt zu heiraten. Sind die eigentlich total doof?

Ja, du Meisterin vom Standesamt, die sind lecker doof. Unser Kerl hat bei der Deutschen Botschaft versucht, etwas in Erfahrung zu  bringen, warum das Visum noch immer nicht ausgestellt worden ist. Die Botschaft hat nur verlauten lassen, dass sie keine Auskünfte an Unbeteiligte gibt. Da hat er sich an den Bürgerservice in Berlin gewandt, von wo man ihm mitgeteilt hat, nicht sechs Wochen Bearbeitungszeit, sondern sechs Monate Bearbeitungszeit brauche die Deutsche Botschaft in Manila für die Ausstellung des beantragten Visums. -

Inzwischen hat er sogar eine Beschwerde gegen mich beim Landrat, unserem Vorgesetzten, getätigt, ich würde wohl wegen Überarbeitung Unordnung in meiner Arbeit hegen, Sachen einfach liegen lassen oder aus Willkür und Schikane ihm und seiner Verlobten Knüppel zwischen die Beine werfen. Dem habe ich kurz und einfach widersprochen.

Das hast du gut gemacht. Wir sind schließlich die Guten, die eine Schandtat vermeiden müssen: 56 Jahre Altersunterschied in einer Ehe? Nimmer! - Es könnte bald zu der obligatorischen zeitgleichen Befragung der Parteien kommen.

Wie geht das?

Das wird so gemacht: Er muss hier um neun Uhr morgens erscheinen, während seine Verlobte wegen der Zeitverschiebung um 15 Uhr am Nachmittag in der Deutschen Botschaft in Manila vorgeladen ist. Dann werden beide nach bestimmten Dingen befragt, und wir sammeln nur die Aussagen, bei denen keine klare Übereinstimmung besteht. Die Botschaft in Manila aber bestellt die Frau schon drei Stunden früher, um sie in einem Kreuzverhör zu zermürben, wobei Punkte gesammelt werden, die der Verweigerung der Erteilung eines Visums zwecks Heirat in Deutschland dienen können. Für dieses Prozedere aber lässt die Deutsche Botschaft in Absprache mit mir sich noch Zeit in Erwartung, dass die Kandidaten aufgeben. - Noch eine wichtige eine Frage habe ich an dich: Hast du etwas herausgefunden über den Lebenswandel des Antragstellers? - Das könnte nämlich nützlich sein bei der Befragung, um Minuspunkte zu produzieren für die Ablehnung des Visums. Darauf müssen wir doch achten, damit diesem Einwanderungsversuch kein Erfolg beschieden wird. Haben wir nicht genug Ausländer, die in betrügerischer Absicht daher kommen, uns auszubeuten? Und dann auch noch einen derartigen Altersunterschied von 56 Jahren in einer beabsichtigten Ehe zu verwirklichen? Ich bin auch entrüstet! Ist das nicht schon schlimm genug, dass geschiedene Leute wieder heiraten? Ist es nicht ekelhaft, dass schwule Männer oder lesbische Frauen einander "heiraten"? Und das nennt sich dann auch noch "EHE" in der Kinder adoptiert werden dürfen. Und ein Lesbenpaar dürfe sogar per künstlicher oder direkter Befruchtung Kinder haben? - Grauenhaft!!! Dann ist es nicht mehr weit bis zur Sodomie, wo es auch zu Ehen kommen könnte. ER vererbt seiner angetrauten Ziege sein Vermögen und die hätte Anspruch auf "Witwen-Rente" und SIE vererbt ihrem angetrauten Schäferhund ihr ganzes Vermögen, der außerdem auch noch  Anspruch auf Witwer-Rente hätte? - Unsere Kommunikation bleit absolut geheim!!!

Absolut geheim! Das ist klar! Wir dienen doch der guten Sache und wir müssen uns hüten vor Quertreibern. - Zudem habe ich einige Informationen gesammelt über unseren Kandidaten. Seinen Vermieter und dessen Sohn konnte ich ansprechen und auch einen Polizisten der Stadt. Alle diese Personen sind angehalten, keine Auskünfte anzunehmen oder weitzugeben. Dennoch habe ich herausgefunden, dass unser Kandidat bei schönem Wetter oft Urlaub macht in den Bergen, im Winter verreist er sogar bis zu sechs Monaten ins Ausland. Dort gibt er bei der Einreise als Beruf "writer" an. Er muss tatsächlich viel schreiben, insbesondere Tagebücher. Und einen Auszug aus seinem Geschreibsel hat jemand aus dem Internet herausgefischt und mir zukommen lassen. Ich bin sicher, es ist reine Erfindung, weil darin die Zahl 56 vorkommt, die den Altersunterschied in Jahren zwischen Mann und Frau einer Liebebeziehung beschreibt, genau wie er es heute mit seiner Verlobten hat.

Hast du denn den Text? Ja? dann schick ihn mir mal rüber.  -

Aber lies nur mal:

William56 - Eine Liebesbeziehung

Auszug aus meinem Tagebuch 1992-1993

   Es ist nur eine kurze, aber für mich bedeutsame Begegnung, die ich dir schildern will, eine Begegnung in einem Straßencafé, wo Menschen aus allen Ländern der Erde sich treffen, ob zufällig oder verabredet, ob schwatzend oder schweigend, ob jung oder alt, sie alle mögen dieses Straßencafé in der indischen Stadt Puna.

   Es ist ein milder Nachmittag im Februar 1993. Ich fühle mich dazugehörig in diesem Menschenpulk, obwohl ich stumm alleine meditiere bei einer Tasse Kakao. Die Sonne hält die Temperatur auf angenehme 24 Grad Celsius, kein Lüftchen regt sich, der Himmel ist klar und nur mit ein paar leuchtend weißen Kumuluswolken verziert.

   Die niedrigen Sitzgelegenheiten stehen dicht bei dicht, und ich bin froh, dass ich wenigstens ein dreibeiniges Höckerchen ergattert habe, denn das Café, es ist auch eine Bäckerei und nennt sich „German Bakery“, ist sehr beliebt und nicht jeder bekommt gleich einen Sitzplatz. Ich schließe die Augen, ich horche dem Gemurmel, meist englische, aber auch deutsche Sprachfetzen fange ich auf.

   Der Platz links neben mir wird plötzlich frei, und sofort setzt sich ein junger Mann darauf. Ich betrachte ihn aus meinem Augenwinkel, indem ich meinen Kopf ein wenig nach rechts drehe und ihn etwas absenke. So kann ich aus dem Augenwinkel alles, was sich links neben mir und sogar hinter meiner Schulter tut, beobachten: Ein gutaussehender Mensch, seine noblen, schlanken Hände vor sein gebräuntes Gesicht haltend, fast bewegungslos, nur sein Brustkorb hebt und senkt sich leicht.

   Der Mann ist leicht, aber bunt bekleidet wie alle Leute hier, seine Ausstrahlung ist seltsam weich, nicht homosexuell, sondern weich, wie Leute es vielfach sind, wenn sie in tiefer Trauer den Verlust eines lieben Menschen zu beklagen haben. Doch, doch, doch, das habe ich schon oft erlebt im Leben. Dann sagen die anderen „Mein Beileid“ – oder ähnliche Formulierungen. Und ich weiß, dass die hehre, alles durchdringende positive Ausstrahlung umso heftiger ist, je schmerzhafter der Verlust gewesen war.

   Ich schaue meinen Nachbar zu Linken an. Er lässt seinen Kopf sinken bis nahe an seine Knie. Er atmet unhörbar, nur seine schwellende Brust und das Abklingen verraten mir, dass ihn etwas sehr bewegt. Ich betrachte sein Profil, seine tadellose schlichte Kleidung, seinen braunen Teint, seine feinen Hände, die er wie zum Gebet beisammen hält.

   Er öffnet seine Augen, hebt seinen Kopf ein wenig hoch, ich bin sicher er hat meine Frage schon vernommen, und er antwortet mir: Ich bin sehr traurig. Ich bin aus Amerika nach hier gekommen, um mich von meiner Geliebten zu verabschieden. Hier in Puna kann ich mich für keine Frau begeistern, ich bin immer noch ganz erfüllt von dem großen Glück, das ich während der letzten drei Jahren erlebt habe, ein Glück, das ist unbeschreiblich. Meine geliebte Freundin ist gestorben, aber ich bin noch voll und ganz in ihrem Bann. Ich hoffe, dass ich mich hier in Puna von ihr verabschieden kann.

  Ich schaue ihm für einen Augenblick in die Augen, ein Schauer des Glücks durchbraust mich, der Mann spricht die Wahrheit. Er hat Glück übrig für alle, die ihn anhören oder nur schon in seiner Nähe sind. Ich spüre keinen Schmerz, kein Mitleiden, ich kondoliere nicht, wir schauen uns erneut einen keinen Augenblick an, Worte sind hier fehl am Platze und ich spüre, wie sich meine Mundwinkel zu einem Ausdruck der Freude heben.

  Da spricht er weiter: Ich war vierundzwanzig Jahre alt, als ich sie kennen lernte, drei Jahre haben wir in einem glücklichen Rauschzustand gelebt. Jetzt ist sie tot, ihr Körper ist tot, sie lebt in mir, mit mir… Sie verließ ihren Körper vor sechs Wochen im Alter von dreiundachtzig Jahren.

  Ich bin begeistert und spüre die Anwesenheit einer außergewöhnlichen Kraft, die körperlose Anwesenheit einer großen Seele.

Ich nenne den Amerikaner William56, weil ich einen Namen brauche, an den und an dessen dreijährigem Glück ich dich später erinnern möchte. William ist also eine Liebesbeziehung eingegangen mit einer Frau, die 56 Jahre älter war als er.

  Während ich am selben Abend des Tages mein Tagebuch schreibe, fällt mir erst auf, dass ich mich überhaupt nicht entrüstet habe über diese seltene (oder wollte ich sagen 'seltsame') Liebesbeziehung. Ich recherchiere in meinem Leben, wie das war, wenn mir von einem Ehepaar oder Liebespaar eingestanden wurde, dass die Frau älter ist als der Mann. Genau so war das jedes Mal: Bevor einer von ihnen es sagt, schauen mich beide prüfend an, damit ihnen nichts entgeht, was meine Mimik in dem Augenblick verrät.

  Nun, ich erinnere mich an einige herabsetzende oder beleidigende Bemerkungen über solche Beziehungen. Eine diesbezügliche Bemerkung hörte ich des Öfteren: Der ist ein Mamasöhnchen, er lässt sich bemuttern.

  Ist das nicht so, habe ich das nicht irgendwoher gelernt, woher habe ich das gelernt: In einer Liebesbeziehung und erst recht in einer Ehe hat die Frau mindestens drei Jahre jünger zu sein als ihr Partner. Unser jesuitischer Religionslehrer auf der Penne forderte streng mit Verachtung speiender Mine, dass die Frau sieben Jahre jünger sein muss als ihr Mann. Dies machte er zur Maxime. Und irgendwas ist davon in meinem Unterbewusstsein hängen geblieben. Aber ich finde es seltsam, dass die Wirkung der jesuitischen Programmierung bei mir im Falle William56 nicht gegriffen hat, als er mir sein Glück und seine Trauer zeigte.

  Fast jeder, dem ich die Geschichte bisher erzählte, fand sie negativ, rümpfte die Nase, machte eine abfällige Bemerkung, zog seinen Unterkiefer stumm in Richtung Gurgel, wandte sich entsetzt ab oder schüttelte nur seinen Kopf.  Ich selbst hatte in meinem Leben noch nie darüber nachgedacht, ob es etwas Derartiges geben könnte. Aber nicht jeder reagierte negativ, denn es hat auch manche Menschen mit Liebe im Herzen.   Und du, verehrter Leser? - hast du Liebe im Herzen?

Liebe Kollegin vom Standesamt: Da sehen wir doch auf den ersten Blick, dass das nicht echt ist. Meiner Ansicht nach hat der Schreiber die 56 nachträglich in den Text gesetzt, und das Datum scheint mir auch fingiert. Vergessen wir den Blödsinn!

Was soll ich machen? Der Kerl ist wieder in Deutschland und hat eine Dienstaufsichtsbeschwerde beim Landrat gegen mich eingereicht. Er wirft mir Willkür und Schikane vor. Was soll ich machen? 

Ganz einfach: alles abstreiten. Er hat keine Beweise. Ende! Außerdem, wir wissen dass er wieder in Urlaub gefahren ist. Ich lade ihn vor zum zeitgleichen Interview mit Vorlage seines Personalausweises. Ich datiere das Vorladungspapier auf den 13. Mai, gebe diese am 15. Mai auf die Post, dann kommt es am Samstag den 16. Mai in seinen Briefkasten. Das Interview wird auf Dienstag, den 19. Mai 9 Uhr in meinem Büro festgesetzt. Ich bin nicht daran interessiert, dass er zum Termin erscheint, hoffe sogar, dass er den Termin verpasst. Ich habe zwar auch E-Mail-Adresse und seine Handynummer, aber ich sende nur den Brief mit der Vorladung an seine Adresse hier in der Stadt als Niederlegung durch den Briefträger. So habe ich den Beweis der ordnungsgemäßen Vorladung.

Aber ich auch schon mit der Deutschen Botschaft in Manila abgesprochen, dass die Frau dort schon drei Stunden vorher vorgeladen wird, damit sie von 12 bis 15 Uhr einem Kreuzverhör unterzogen wird, bei dem Punkte herausgearbeitet werden sollen, die in den Beweis unseres Zieles passen, dass eine Einreise nach Deutschland zwecks Heirat verweigert wird. Wenn sie dann in der Zeit von 12 bis 15 Uhr gründlich zermürbt ist und sie zeitgleich mit der deutschen Uhrzeit von 9 Uhr morgens befragt wird, haben wir leichtes Spiel, genügend Punkte herauszuarbeiten, so dass ein Visum für diese Philippinerin verweigert werden muss. Aber ich bin sicher, dass er die Einladung zu spät vorfindet, um pünktlich zu erscheinen. Dann lache ich, wenn ich ihn erneut ins offene Messer laufen sehe. Mal schauen, ob das Nichterscheinen zum Interview alleine schon ausreicht, das Visum abzulehnen. Und alles bleibt unter uns! 

Klar! - Ich habe unserem Kandidaten mitgeteilt, dass ich immer alles pünktlich und korrekt, ohne Willkür oder Schikane walten zu lassen, erledigt habe. Der Landrat ist zufrieden. Morgen, am Dienstag, den 19. Mai soll also die zeitgleiche Befragung der Parteien stattfinden. Ruf mich an, ob das geklappt hat mit der verspäteten Einladung zum Interview.  

Scheiße! Sein Vermieter hat Zugang zu seinem Briefkasten, hat offensichtlich auch das Recht, die Briefe zu öffnen. Dann wusste er am Samstag, dass sein Mieter am folgenden Dienstag einen Termin hat, um auf dem Ausländeramt unsrer Stadt zu erscheinen. Der Vermieter hat seinen Mieter telefonisch benachrichtigt, was los ist, und dieser konnte noch rechtzeitig seinen Urlaub abbrechend zurückkehren.

Wie auf der Vorladung gefordert, zeigte er mir seinen Personalausweis, und dann bekam ich einen Schreck: Ich hatte nicht bedacht, dass auf der Vorladung auch der neueste Einkommensnachweis verlangt wird. Den bot er mir an, mir stockte für eine Sekunde der Atem, weil wir doch die Fotokopie seines Bankauszuges mit einer Überweisung haben, auf der sein Name nicht steht. Damit können wir darauf hinweisen, dass er keinen Beweis seiner Bezüge erbracht hat. Wie gesagt, mir stockte für eine Sekunde der Atem, ich fühlte mich ertappt und brüllte ihn an: Den hab ich doch schon!!! - Er zuckte zusammen, und ich schaute ihn streng an, bis er mir seinen Einkommensnachweis nicht mehr hinhielt und endlich in seine Mappe zurücklegte. Da ging es mir besser. Die zeitgleiche Befragung konnte losgehen. Es war sehr einfach, meine Fragen so zu formulieren, dass wir genügend Unklarheiten notieren konnten. Bei der Frage, wie sie sich kennenlernten fing er davon an, dass er täglich seit dem ersten Kontakt vor ein dreiviertel Jahren mit seiner Verlobten Bildkontakte pflegt über Skype, wenn sie nicht zusammen sind in den Philippinen. Das können wir natürlich nicht brauchen für unsere Ablehnung. Ich habe nichts von einem Bildtelefon notiert und mir wurde auch spontan klar, dass das eine Zwecklüge ist. - Wir können sicher sein, Juliana bekommt kein Visum zwecks Heirat in Deutschland. 56 Jahre Altersunterschied. Da ist doch jeder entrüstet und pflichtet uns bei, dass solches Treiben in Deutschland nicht Fuß fassen darf.

Wir lassen sie ins offene Messer laufen. Dann sind wir sie los. Und kein Wort über unsere Verschwörung! Unsere Arbeit ist korrekt!

Jetzt sind wir schon im September. Der Mann wurde wieder lästig, hat Druck gemacht beim Bürgerservice in Berlin und  bei der Deutschen Botschaft in Manila. Schließlich durfte die Verlobte ihren Bescheid irgendwo abholen, nicht bei der Botschaft. Man musste ihn belehren, dass ihm keine Mitteilung gemacht werde, weil er ein Unbeteiligter sei. Das muss ihn getroffen haben wie ein Schuss gegen den Bug. Aber seine Verlobte dürfe ihm eine Kopie vom Ablehnungsbescheid schicken. Ätsch!

Ich erfuhr von einer Kollegin hier im Info Center, dass er dort war und sich beklagte über uns, weil wir hier von der Ausländerbehörde und vom Standesamt die Heirat verhinderten. Sie hat ihm spontan geraten, in Dänemark zu heiraten, dann bräuchte er die hier nicht. Sie hat ihm aber nicht gesagt, dass die Ablehnung der Einreise nach Deutschland nicht aufgehoben werde, wenn er seine Verlobte im Ausland heiratet.

Darauf kam er zu mir auf das Standesamt und beantragte ein Ehefähigkeitszeugnis. Er behauptete, er habe Anzeige erstattet wegen Mobbing. Er will tatsächlich die Frau heiraten, deren Einreise nach Deutschland zwecks Heirat in unserer Stadt von der Deutschen Botschaft in Manila abgelehnt wurde. Ich habe ihm auch nicht gesagt, dass die Heirat im Ausland die Ablehnung nicht aufhebt. 

Da sehen wir auch, wie naiv und unwissend er ist. Lassen wir ihn doch heiraten, wo immer er will. Bei uns hier kommt er auch damit nicht durch, denn Ablehnung bleibt Ablehnung. Wir entscheiden. Und Anzeige wegen Mobbing? Dass ich nicht lache: die Justiz und der Landrat sind auf unserer Seite.

Hallo Kollege: Die haben tatsächlich in den Philippinen geheiratet und sie hat ein Visum bei der Deutschen Botschaft beantragt mit dem Ziel der Familienzusammenführung in Deutschland. Zwei und ein halbes Jahr probieren sie es, hier zu landen. Wie wird das gehandhabt?

Das wird wieder abgelehnt, weil der Sachverhalt von damals sich nicht geändert hat. Diese Ehe ist nicht schützenswert, 56 Jahre Altersunterschied, keine gültige Verpflichtungserklärung, kein Einkommensbeweis und so weiter. Ich lehne ab im Einvernehmen mit der Deutschen Botschaft. Die beiden werden jetzt aufgeben, weil sie begreifen, dass wir ihr Täuschungsmanöver durchschaut haben. Kein Wort nach draußen!

Kein Wort nach draußen. Warten wir es ab!

Wir hören nichts mehr von denen. Da bin ich sicher. Pack!

Aber ich habe erfahren, dass er zum vierten Mal den ganzen Winter in den Philippinen verbringt. Was haben die wohl vor? Ich habe kein gutes Gefühl.

Hab keine Sorge! Vielleicht kratzt er bald ab, der alte Knacker.

Ich hatte Recht. Die Einreise der Philippinerin nach Deutschland zwecks Familienzusammenführung wurde abgelehnt. Ich hatte es dir doch gesagt. Inzwischen ist wieder ein Jahr vergangen und wir haben nichts mehr von denen gehört. Oder hast du etwas erfahren?

Nicht direkt! Aber er soll sich bei der Regierung erkundigt haben, ob er seine Rente behält, wenn er auswandert.

Und? Ist er endlich weg aus unseren Revieren?

Genaueres weiß ich nicht. Ich denke auch, wir können den Fall endlich vergessen. Unser Ziel ist erreicht.

Und wenn die da noch etwas wollen, dann lasse ich sie zeitgleich verbrennen.

Wie meinst du das "zeitgleich verbrennen"? Mir wäre das Ergebnis insgeheim auch Recht, aber denkst du tatsächlich an Mord? Bewegen dich Mordvisionen? Das kann ja heiter werden? - Wir wissen nichts von unseren Abmachungen. Wir reden mit  niemandem über unsere Gedanken, wir schreiben nichts auf und machen auch keine phonetischen Mitschnitte unserer Gespräche. Wir machen nur unsere Arbeiten nach Vorschrift und ohne Abweichungen.

Klar! Wir machen nur unsere Arbeiten nach Vorschrift und ohne Abweichungen. Du wirst sehen, wir hören und sehen nichts mehr von diesem - wie soll ich sagen - hab schon vergessen.

*

Das hatte ich auch geglaubt. Erinnerst du dich nicht mehr an den Versuch der Frau aus den Philippinen - Juliana, so hieß sie, glaube ich - die sich mittels Heirat dauerhaftes Bleiberecht in Deutschland erschleichen wollte? - Hast du nicht auch Post vom Bundesverwaltungsgericht in Berlin bekommen? Die Frau verklagt die Bundesrepublik Deutschland? Und dass das Standesamt die Akten einsenden soll, weil der Rechtsanwalt der Klägerin Akteneinsicht verlangt?

Nein, aber da muss ich mal nachschauen. Moment mal. Ich schau mal nach der heutigen Post. - - - Tatsächlich, ich habe einen Brief vom Bundesverwaltungsgericht aus Berlin dabei. Das könnte bedeuten, dass die Ausländerbehörde auch die Akten einsenden muss. - Dann machen wir das halt. Wahrscheinlich hat die Deutsche Botschaft in Manila auch diese "Frohe Botschaft" bekommen. Wir haben nichts zu befürchten. Ich hoffe, dass das Prozedere so lange dauert, dass der Alte vorher den Löffel abgegeben hat. Ansonsten schließt sich das Bundesverwaltungsgericht meist dem Urteil der Botschaft an, und damit ist die Sache gegessen. Wir hier können nicht belangt werden, was auch immer geschehen ist. Er hat keine Beweise. Basta!

*

Du hast Recht gehabt: Nach weiteren 12 Monaten Palaver hin, Palaver her gab es erneute Ablehnung durch das Bundesverwaltungsgericht mit der Begründung, dass der Altersunterschied von 56 Jahren zu groß ist und schließen lässt, dass keine schützenswerte Ehe beabsichtigt ist, auch wenn die Parteien inzwischen seit vier Jahren ein intimes Liebesverhältnis haben.

Wo stecken die beiden jetzt? Kannst du das herausfinden? Ist aber eigentlich egal, wenn sie sich nicht radikalisieren und zu Terroristen werden. Ist ja heute alles möglich. Am besten, wir denunzieren ihn vorsichtshalber. Man soll uns nichts vorwerfen können. Die Frau wird ja sicherlich in den Philippinen stecken, denn sie bekommt niemals ein Visum, um nach Deutschland zu kommen, selbst nicht einmal zu seiner Beerdigung. Ausrotten muss man solche Kreaturen.

Auf Umwegen habe ich in Erfahrung bringen können, dass er ein Flugticket nach Tacloban gekauft hat mit variablen Terminen für den Hin- und den Rückflug. Tacloban ist der nächste Flughafen zu ihren Eltern auf der Halbinsel Samar an der Ostküste der Philippinen. Wahrscheinlich will er dort zu ihr ziehen, wo sie ein Haus auf dem Grundstück ihrer Eltern bewohnt. - Ist doch egal, Hauptsache er ist außer Landes.

Und keiner soll ihm verraten, dass seine Rente wegfällt, wenn er länger als 6 Monate außerhalb der EU rummacht. Dann schaut er blöd drein. Er soll untergehen, egal wie.

*

Hallo Kollege, ein Privatdetektiv war bei mir, stellte einige Fragen. Ein gewisses Unbehagen kam in mir hoch, weil ich warum auch immer an den Fall 56 von damals denken musste, du weißt, welchen Fall ich meine. Aber sogleich spürte ich Erleichterung, als ich hörte, dass er sich mit einem Fall in den Niederlanden befasste, mit einem Selbstmordattentäter, der offensichtlich nicht zum Ziel kam. - Ansonsten heute nichts Neues.

Unser 56 wird wohl inzwischen ins ferne Ausland geflogen sein, wo der Pfeffer wächst. Dennoch interessiert mich der verhinderte Selbstmordattentäter aus den Niederlanden. Weißt du nicht mehr darüber?

Vielleicht kommt heute Abend etwas in den Nachrichten. Schauen wir mal, dann sehen wir was.  

*

Ich habe in den Nachrichten was gesehen: Die Kripo aus unserem Nachbarland hat die Leiche eines Selbstmordattentäters sichergestellt und sucht nach Identifikation. Bisher ohne Erfolg. Der Täter wurde observiert. Als er sich in Enge getrieben bemerkte, ging er in Flammen auf. Schauen wir lieber mal, was es bei uns in unserer lieben kleinen Grenzstadt Neues gibt. Hier ist die Welt noch in Ordnung. Keine auffälligen Ungereimtheiten. Ich frage ich nur, warum ein Detektiv bei dir auf dem Standesamt erscheint. Was wollte der wissen?

Ich bin sicher, es hat nichts zu tun mit unserem Fall 56 und auch nicht mit dem Selbstmordattentäter im Nachbarland. Es war nur eine dumme Reaktion von mir, bevor ich wusste, dass er nur eine harmlose Frage hatte in einer Nachlassangelegenheit. Dennoch: Irgendwie geht mir der Gedanke an 56 nicht aus dem Kopf. 

Das ist doch absurd, dass unser Kandidat ein Flugticket in die Philippinen bucht und dann als Selbstmordattentäter in den Niederlanden aktiv wird. Dann könnte ich eher befürchten, dass er mein Büro stürmt oder mir in der Dunkelheit auflauert. Er ist unbelehrbar und könnte darum unberechenbar geworden sein. Aber wir brauchen keine Angst haben.

Es wird immer noch nach der Identität des Selbstmordattentäters gesucht. Aber der Besuch des Privatdetektivs bei mir lässt mir keine Ruhe. Ich weiß nicht warum. Hast du etwas in Erfahrung gebracht über den komischen ... wie soll ich besser sagen?

Nun sei wirklich ohne Sorge. Selbst wenn es unser 56 wäre, der, anstatt zu seiner Juliana in die Philippinen zu fliegen, sich radikalisiert und dummerweise ausgerechnet in die Niederlande ginge, sich dort als Attentäter zu profilieren, dann geht das uns beide nichts an. Weißt du etwas mehr über den Vorfall? Dein Ehemann ist doch Niederländer! Der könnte dir eventuell Genaueres herausfinden. Oder kannst du den Detektiv, der bei dir war, aushorchen? In den Nachrichten habe ich nichts mehr gehört über der Attentäter. Wo ist das denn gewesen, in welchem Ort nicht weit von hier, aber auf niederländischem Boden?

Schlechte Nachricht: Der Selbstmordattentäter ist kein Attentäter, sondern ein Selbstmörder, der sich sich aus welchem Grund auch immer selbst verbrannt hat. Und es war ein Deutscher, der einen Grund gehabt haben muss, dass er sich ausgerechnet in dem kleinen Dorf Grathem auf dem Platz vor der Kirche anzündete. Es ist der 56. Was nun?

Da sehen wir doch sein schlechtes Gewissen, das ihn in den Tod trieb. Was wollen wir denn mehr! Ich bin froh! Wir haben nichts damit zu tun. Hat man einen Abschiedsbrief gefunden? Hat man seine Juliana benachrichtigt? Ist doch alles sehr interessant.

Julianas Eltern trauern um ihre Tochter. Sie hat sich öffentlich verbrannt am Strand des Pazifischen Ozeans in der Nähe der elterlichen Farm und zwar zeitgleich mit ihrem Ehemann.

Da sehen wir es: Das schlechte Gewissen hat sie beide in die Selbstbestrafung getrieben. All das soll allen Beispiel sein, sich nicht in betrügerischer Weise Vorteile zu beschaffen. Wir haben Grund zu jubeln.

 

Als Anwalt und Nachlassverwalter der beiden gescheiterten Menschen möchte ich der Welt verdeutlichen, dass meine Mandanten keine Betrüger waren, sondern dass sie nur unter die Räder gekommen sind in unserem Land. Die junge Frau heißt in Wirklichkeit Julia, und ich nenne ihren Ehemann Romeo wegen des tragischen Ausganges ihrer  Liebesbeziehung.  

Sieben Jahre lang haben wir erfolglos gekämpft für die Anerkennung ihrer ehrlichen Beziehung als Mann und Frau. Mir liegt die ganze Korrespondenz der beiden vor, die sie in diesen sieben Jahren pflegten, wenn sie nicht zusammen sein konnten. Dann hatten sie täglichen Kontakt mittels  Bildtelefon, immerzu hoffend, in Deutschland als Ehepaar leben zu dürfen.

Ich bedauere zutiefst, dass ich dem Paar nicht habe helfen können. Ich darf mit seiner Zustimmung die letzten Zeilen der insgesamt 2312 DIN A4 Seiten umfassenden Korrespondenz veröffentlichen:

Romeo: Hi Julia, how are you? Mir geht es nicht gut.

Julia: What did the doctors say?

Romeo: Liebe Julia, du musst jetzt ganz stark sein. Ich kann nicht mehr reisen in das ferne Land. Es hilft mir auch kein Rollstuhl mehr auf den Flughäfen. Ich spüre mein Ende.

Julia: I always cry. Why the hell I’m not with you?

Romeo: Ich kann nicht mehr zu dir. Du kannst nicht zu mir. Ich verlasse meinen Körper. Ich werde in wenigen Tagen in das niederländische Dorf gehen, wo mein Großvater geboren wurde. Dort verlasse ich meinen Körper, indem ich meine sterbliche Hülle verbrenne. Ich weiß, ich tue dir schrecklich weh. Aber du must weiterleben. Ich gehe in die körperlose Welt. 

 

 

 

 

 

 

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