Leon Campen

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3 Lesproben aus meinen Tagebüchern

018+Weihnachten im Trümmerfeld eines Taifuns.TGB.131225

Sonntag, 22. Dezember 2013. Wir wissen, es wird ein langer, beschwerlicher Tag. Wir haben die Koffer gepackt, stehen um 5 Uhr auf, frühstücken, checken alles Gepäck noch einmal durch und ich lese den Stromzähler ab, weil ich wissen möchte, wie viele kWh der Kühl- und Gefrierschrank in fünf Tagen verbraucht. Ich nehme alles Bargeld, Laptops und Handys und wertvolle Sachen mit auf die Reise, weil es über Weihnachten häufiger Einbrüche geben soll. Darum verriegele ich auch beide Türen zum Apartment: die innere Stahltüre und davor die eiserne Gittertüre, die mit einem metallenem Fliegendraht gegen das Eindringen von Moskitos abgesichert ist.

Wir gehen durch den Innenhof zum Tor, das auf die Straße führt, ziehen es zu, so dass es von außen nur mit dem Schlüssel zu öffnen geht. Wir stehen da im Halbdunkel mit Sack und Pack in Bacoor auf der Ildefonso Straße ohne Hausnummer und möchten ein Pedicab. Das ist ein mit menschlicher Muskelkraft angetriebenes Dreirad. Bald kommt eins und der Fahrer lädt unsere Köfferchen auf sein Gefährt, wir steigen in die Minikabine und er strampelt uns in Richtung Taxi Stand.

Alsbald haben meine Verhandlungen mit einem Taxifahrer Erfolg und er will uns für 400 Pesos zum alten National Airport in Manila fahren.

Es klappt, aber die Straßen sind dermaßen verstopft vom hohen Verkehrsaufkommen, so dass der Fahrer sich auf Schleich- und Umwege begibt. Verspätungen sind nämlich normal in den Philippinen. Jedoch erreichen wir den Flughafen rechtzeitig gegen 9 Uhr. Geplanter Abflug 11:30. Also, keine Angst, wir werden heute in das Katastrophengebiet geflogen werden.

Oh Schreck, der Flughafen ist umlagert von Wartenden. Schließlich ertappen wir das Ende der Warteschlange für das Einchecken. Es geht um vier Ecken. Alle drei Minuten rücken wir schon wieder einen oder zwei Meter vor. Viele Menschen vor uns haben ihren Gepäckwagen vollgepackt mit verschnürten Kartons aus dem Supermarkt. Sie bringen Lebensmittel und lebenswichtige Materialien zu ihren Verwandten in das Katastrophengebiet, das darf ich vermuten, denn unser Flug geht direkt nach Tacloban, wo der Taifun am schlimmsten gewütet hat und wo es über zehntausend Tote und dazu noch Vermisste gegeben haben soll.

Nach mehr als einer Stunde nähern wir uns dem Pult, wo das Gepäck gewogen und wo wahrscheinlich auch die Boarding Card ausgestellt wird. Dort angekommen, erkenne ich einen einzigen Schaffenden, der den ganzen Papierkram bewältigen muss und fünf Zuschauer, die mehr oder weniger gelangweilt darauf hoffen, auch mal einen kleinen Auftrag zu bekommen, zum Beispiel einen Koffer von der Waage zu nehmen und auf das Transportband zu stellen, von wo der Koffer alsbald die Reise ins Ungewisse antritt. Der arme Kerl am Schalter schafft wie von der Tarantel gestochen, springt im Dreieck, Papierchen hier, Papierchen da, Stempel hier, Stempel da, Computer schikanieren oder neu beschicken … Häkchen hier, Häkchen da, … ihre Bordkarten bitte!!! Geschafft –

11:50 Uhr – mit nur 20 Minuten Verspätung startet die Air Asia Maschine und in einer Stunde sind wir auf dem Flughafen von Tacloban. Ich begreife noch nicht sofort, weshalb hier zehn Männer die Koffer vom Wagen herunter holen, über das Karussell klettern und den Leuten zutragen. Das Kofferkarussell ist bis auf die Eisenteile blank gerupft vom Taifun. Vor sechs Monaten war ich schon einmal auf diesem Flughafen, aber ich habe ihn soeben nicht wieder erkannt, so sehr sind die Gebäude verstümmelt oder ganz verschwunden.

Für 500 Peso bekommen wir ein Taxi, um zur Stadt Tacloban zu gelangen. Mich packt das kalte Grausen beim Anblick der Zerstörung, die sich auf der halbstündigen Fahrt zeigt. Die schmale Straße ist zwar freigeräumt, aber links und rechts sehe ich nur Trümmer, Scherben, Müll und umgeknickte Kokosnusspalmen. Wohin das Auge blickt, nur ein Bild des Grauens. Was mich besonders berührt, ist die Tatsache, dass hier Überlebende versuchen, sich eine Unterkunft oder sogar einen Verkaufsstand in den Trümmern einzurichten. Überall stehen Gruppen von Menschen mit erstarrten Gesichtern in dem Bild der Zerstörung. Je näher wir auf der Fahrt dem Zentrum von Tacloban kommen, desto schrecklicher beeindruckt mich, dass hier von starken Gebäuden auch nur Reste übrig sind, zu Ruinen verwandelte Bauten.

Endlich sind wir in der City, wo der Taxifahrer Ausschau halten lässt nach einer Shuttle Sammelstelle, denn wir müssen von hier weiter mit einem VAN.

Es ist 13:50 Uhr. Und tatsächlich besteht Aussicht, dass wir an diesem Tag noch weiter reisen können nach Guiuan mit einem Kleinbus, VAN genannt. Tickets bekommen wir sofort, unglaublich billig: 3 € pro Person für eine Fahrt, die länger als drei Stunden dauern soll. Woran das wohl liegen mag, dass eine so lange weite Fahrt nur 3 € kostet pro Person!

Wir müssen aber warten. Die Uhr geht langsam. Der Warteraum quillt über von Wartenden, draußen unter einem Vordach drängeln sich ebenfalls die Leute, um dem Regen zu entkommen. Hin und wieder kommt so ein VAN, um Menschen aufzunehmen. Es geht der Reihe nach. Endlich um 16:00 Uhr werden wir aufgerufen. Das Einsteigen beansprucht zwanzig Minuten, denn es bedarf großer Kunst, in einen Bus für 12 Personen 16 Leute unterbringen, die alle mit viel Gepäck dahergekommen sind. Nach einiger Reklamationszeit bekomme ich einen Platz an der großen Schiebetüre rechts, wo ich Aussicht habe, wenigstens mein rechtes Bein mal ausstrecken zu können. Zu früh gefreut, Leon. Der schmale Spalt wird noch gebraucht für weiteres Gepäck, bevor die Schiebetüre geschlossen wird. Es geht los, ein fahrendes Menschensilo. 3 € pro Person!

Links neben mir hat eine wohlbeleibte Frau ihren Platz bekommen. Ihre Elefantenbeine haben auch nicht zu viel Platz, und außerdem hält sie auf ihrem Schoß eine überdimensionale Tragetasche, die sonst nirgend woanders hatte verstaut werden können. Du ahnst schon, was passiert, wenn sie ermüdet und einschläft, oder wenn der VAN in die Kurven geht.

Mein Blick nach draußen erschüttert mich immerzu, nur Ruinen, zerfetzte Hütten, Halden von Trümmern längs der Straße, abgeknickte oder entwurzelte Palmen, erbärmliche selbstgebastelte Unterkünfte aus dem Restmüll, den der Taifun hinterlassen hat. Apathische Blicke von umherstehenden Menschen verfolgen uns im Vorbeifahren.

So geht es Stunde um Stunde. Bisweilen hält der Fahrer, es werden Leute ausgetauscht, es geht weiter in die Nacht hinaus. Plötzlich hält der Fahrer in Stockfinsternis. Er steigt aus, kommt um den Wagen herum an die Seitentüre, reißt diese auf, stapelt meinen Koffer auf andere, damit der nicht nach draußen fallen kann, und er verschwindet.

Sofort erscheint eine Meute von etwa 12 bis 15 Kindern, die ich beim schwachen Licht der Deckenleuchte des Wagens erkennen kann. Sie alle stieren nur mich an und beginnen nach Geld zu rufen. Money, give  money! Verstehe ich. Sie krakeelen durcheinander in ihrem Dialekt, und immer wieder höre heraus „Give money“ Ich fühle mich bedroht, denn sie kommen allesamt immer näher an die Türe heran. Einer ruft: Merry Christmas, die anderen Monnneyyy!  Amy, meine Begleiterin, spricht sie an, aber darauf reagieren sie nicht. Dann versucht einer meine Umhängetasche zu ergreifen. Ich gebe ihm mit dem Handrücken eins auf die Nase. Ich schreie ihn an „Fuck off!“ So geht das minutenlang. Kein Fahrgast gibt einen Ton von sich, sie alle stieren so vor sich hin, sie haben weder weiße Haut noch blaue Augen. Endlich kommt der Fahrer zurück, das Pack verschwindet blitzschnell, lautlos, er schließt die Schiebetüre des Wagens, und die Fahrt geht weiter. Ich bin gleichermaßen entsetzt, angeekelt, schockiert und wütend, besonders über das Verhalten des Fahrers. Mir kommt der Verdacht, dass er bewusst die Szene inszeniert hat, weil er weiß, dass die Kinder nicht strafrechtlich verfolgt werden, wenn sie mir die Tasche entreißen und damit in der Dunkelheit verschwinden. Und das könnte sich ja lohnen bei einem Touristen.

Sauvolk, Saubande, Drecksvolk – so geht es mir noch während der nächsten Stunde durch den Kopf. Die überdimensionale Tragetasche der Frau zu meiner Linken habe ich schon mehr als zehnmal mit dem Ellenbogen zurückgefedert, während ich ihr dickes rechtes Knie mit einem Puff zurückstieß. Schließlich schlief sie ein, da musste ich stärker reagieren, meistens ohne anhaltenden Erfolg, entweder kam ihr Knie mich besuchen oder ihre Tasche rutschte halb auf meinen Schoß. Ob sie das schön findet, wenn ich ihr nacktes Elefantenknie gewaltsam beiseiteschiebe?

Es ist inzwischen 19:15 Uhr. Finstere  Nacht! Die Straße ist keine Straße mehr, es handelt sich um eine Schlammrinne oder Löcher Allee.

Der Fahrer muss ständig um Fallgruben herum kutschieren. Die Frau neben mir nimmt es gelassen, sie widersetzt sich weder der Schwerkraft noch der Fliehkraft der Massen. Ich bumse zurück, wenn sie ihr Knie gegen das meinige schwabbeln lässt und setze meinen Ellenbogen ein, wenn die Tasche schon wieder auf meinen Schoß zu rutschen droht. Das ist ihr offensichtlich nicht peinlich.

Es ist 19:20 Uhr. Lichter in Sicht. Wir sind in Guiuan. Das liegt rund siebenhundert Kilometer östlich von der philippinischen Hauptstadt Manila entfernt auf der Insel Eastern Samar, am Pazifischen Ozean, von wo die Taifune kommen. Deren Anzahl ist im jährlichen Schnitt um die fünfundzwanzig Stück. Sie bekommen bei der Annäherung an die Ostküste des Inselstaates einen Namen. Nicht alle sind gleich starke Taifune. Der letzte mit Namen Jolanda kam mit seiner bösen Gewalt am 8. November 2013 und richtete unglaubliche Schäden an.

Wir sind nun also in Guiuan :[giuan]. Alle aussteigen! Gerne! Was jetzt? Tricycle anheuern für die Weiterfahrt. Da ist eins! Ich brauche kein Gepäck anfassen, das besorgt der Fahrer oder Amy hat es schon getan. Wir quetschen uns in das Kabinchen mit dem nicht ganz zwei popobreiten Sitz, verdrehen unsere Hüften gleichzeitig ein wenig nach rechts und schon hat jeder wenigstens mit einer Pobacke sicheren Halt unter seinem Rumpf auf dem Bänkchen in dem schnaufenden Rettungsboot. Rettungsboot? Ich fühle mich regelrecht erlöst von der mehr als dreistündigen Fahrt mit dem VAN von Tacloban nach Guiuan und dem Kampf mit der Gepäck schwenkenden Elefantenfrau.

Jetzt sind wir auf dem Weg nach Barbo, wo Amys Heimat ist und wo ihre Eltern heute hausen. Der Weg ist schmal, aber es sind glatte Betonplatten. Wir kommen leicht voran. Da ein Lichtlein zwischen den Trümmern, noch eins im weiten Gelände! Es gibt keine Straßenlaternen. Aber jedermann hat sein Handy mit LED Licht. Im Zauberlicht eines solchen Scheinwerfers sehe ich in ein freundliches, altes Gesicht und denke spontan, wie hübsch diese Frau in jungen Jahren ausgesehen haben muss. Sie wird mir vorgestellt: Das ist meine Mutter, sagt Amy. 19:40 Uhr.

In Begleitung der Blitzlichter aus den verschiedenen Handys folge ich auf einem glitschigen Pfad; rechts erkenne ich ein großes weißes Zelt, links hat es nur Bauschutt oder Materialgespenster. Wir betreten einen winzigen Raum, ich muss den Kopf einziehen, um nicht an ein Blech zu stoßen. Ein Öllämpchen oder so etwas Ähnliches gibt den Blick frei auf den nächsten Raum, der eine Stufe höher liegt.

Der Raum ist etwa drei mal vier Meter, gezimmert aus Holzresten, die beim Taifun übrig geblieben sind. – In der Ecke steht ein Bett, auf dem der Vater liegt. Er ist querschnittgelähmt. Ich erkenne einen vergammelten, primitiven Rollstuhl am Kopfende des Bettes. An der rechten Wand steht eine niedrige Bank, die mir als Sitzplatz angeboten wird. Die Mutter hat zum Abendessen für mich und Amy getrockneten Fisch und Reis aufgetragen. Das Zimmerchen und auch der Vorraum sind voll mit Menschen, erwachsene Frauen und Männer, dazu etliche Kinder. Um 22:00 Uhr gehe ich mit Amy in das Zelt, das ich auf mehr als 20 m² schätze. Dort liegt eine Sperrholzplatte am Boden, darauf die Matratze, die wir gekauft hatten. Diesen ganzen Raum haben die Eltern für uns alleine reserviert. Wo die andern alle schlafen, ist mir ein Rätsel.

Montag, 23. Dezember 2013. Ich schaue mir die umherliegenden Trümmer an, das Ergebnis eines wütenden Taifuns, der über eine Stunde mit vollster Kraft bei Spitzengeschwindigkeiten von mehr 360 km/h angriff, der zwischenzeitlich auch  noch dir Richtung wechselte, so dass er noch vollenden konnte, was in der anderen Richtung nicht nachgeben wollte. Zerstörung im bösesten Ausmaß. Fast alle Kokospalmen in der Umgebung sind entwurzelt oder verstümmelt. Wo der Wind nicht bis an den Boden konnte, sehe ich hier und dort Bananenstauden, die aus dem verstümmelten Rest ihrer Staude neue Triebe bringt mit wunderschönen großen grünen Blättern. Selbst die Wurzelstöcke am Straßenrand der bis auf die Erde abgeschnittenen Bananenpflanzen haben im Boden überlebt, sie treiben mutig junge Triebe, die auffallend alle die gleiche Größe haben von etwa 70 cm.

Die Bauten oder Häuser in der Umgebung zeigen alle Totalschaden, oder sie sind überhaupt nicht mehr als solche erkennbar, der Taifun hat sie zerstückelt und das Material in der Gegend verteilt. Blechreste und Balken dienen den emsigen Leuten beim Wiederaufbau von Unterschlüpfen.

Ich spaziere mit Amy Betonpisten entlang durch total verwüstete Palmenplantagen. Der Weg führt zu einer asphaltierten Straße, wo gelegentliche Tricycle Fahrer die Versorgung der Gegend bestreiten. Bisweilen sehe ich ein solches Motorrad mit Anbau, das mit Menschen und Gepäck zum Bersten beladen ist. Jetzt kommt ein solches Gefährt, das uns mitnehmen kann. Dicht zusammengepfercht sitzen wir mit anderen  Leuten in der kleinen Kiste, und die Maschine rattert in Richtung Guiuan, wo wir zum Markt wollen, um Lebensmittel einzukaufen.

Das Städtchen ist ebenfalls zerzaust, allerding haben hier etliche Häuser wenigstens im Erdgeschoss dem Wind standgehalten, wenn auch Fenster und Türen rausgepustet sind. Aber diese Gebäudereste dienen dem provisorischen Wiederaufbau auf vorzügliche Weise. Die Menschen sind nicht faul, sie haben nicht resigniert, sie sind erfinderisch und fleißig. Wo immer sich eine Möglichkeit bietet, einen Verkaufsstand einzurichten, da blüht bereits wieder das Geschäftsleben.

Wir kaufen, kaufen, kaufen, … denn es ist mir klar, dass die Familie in der armen Hütte und wer auch immer dazu kommt, sich eingeladen fühlt, wenn wir, Amy und ich, etwas zu essen haben. Amy arbeitet mit ihrer Mutter zusammen, um das Mittagessen, den Lunch, zuzubereiten.

Gegen 12 Uhr Mittag sitze ich auf meinem Bänkchen in der Hütte beim Whisky und als erster und alleine bekomme ich gebratenen Fisch mit Reis und Gemüse serviert. Einen Esstisch, an dem alle Platz nehmen könnten, hat es nicht, wäre auch nicht in die Stube zu bringen, weil die viel zu klein ist.

Fortwährend werden mir Leute vorgestellt mit ihren ausführlichen Namen, ihren Nicknamen und mit den verwandtschaftlichen Beziehungen. Mir brummt schon der Kopf. Essen wird rumgereicht, neue Gesichter tauchen in der Türe zur Küche auf, Kinder kriechen zuhauf am Boden umher oder klettern irgendwo herum. Alle interessieren sich für jeden Handgriff, den ich mache, für jede Bewegung, mit der ich etwas zum Munde führe. Es ist halt etwas Neues im Dörfchen, einen uralten Mann mit weißen Haaren, blauen Augen und einem Mund voll mit Zähnen zu sehen. Die Leute hier lassen ihre Zähne wegfaulen, weil sie die Arztkosten scheuen oder überhaupt nicht bezahlen können.

Ich werde müde, aber an ein Schläfchen am Boden des Zeltes ist nicht zu denken, denn die Sonne hat zur Abwechslung mal mehr als zwei Stunden geschienen und im Zelt ist es deshalb um 45°C. Darum quäle ich mich noch ein wenig  auf dem niedrigen, zu kurzen Bänkchen hin und her, indem ich mich mal mehr auf dem einen Oberschenkel abstütze und dann wieder auf dem anderen.

Doch nach kurzer Zeit setzt mal wieder ein Platzregen ein, hurra, das Zelt wird abgekühlt unter 33°C und ein heftiger Wind wirkt fast wie ein Ventilator. Ich kann mich hinlegen und schlafe tief und fest ein.

Ich sitze wieder auf der komischen Bank in der armen Hütte, habe Besuch wie ein seltenes Tier im Käfig eines Zoos, denn auch die Menschen aus der Nachbarschaft wollen sich das Ereignis nicht entgehen lassen, einen „Amerikano“ gesehen zu haben. Wenn sie aber erfahren, dass ich German bin, sagen sie zwar etwas, das klingt nach „aha“, mir scheint aber, dass es das Wichtigste für ihren Besuch ist, den uralten Mann mit den weißen Haaren, den blauen Augen und mit dem Mund voll mit Zähnen gesehen zu haben. Besonders die Kinder aus dem Dorf suchen mit offenem Mund und starren Augen einen Beobachtungsposten, sei es zwischen Stuhl- oder Menschenbeinen, sei es zwischen einer Spalte in der mit allerlei Knüppeln zusammengeflickten Hütte. Sobald ich einen Blick erwidere, verschwindet das Gesicht beschämt, als hätten es verbotenerweise Vater und Mutter beim Liebesspiel beobachtet. Nur hin und wieder kommt eine Frau, spricht Englisch und fragt, ob sie einen Mann aus Germany heiraten könne und in Germany das dicke Geld verdienen kann. Das Trugbild vom Schlaraffenland Germany oder Europa sitzt in fast allen Köpfen.

Ab Nachmittag folgt Wolkenbruch auf Wolkenbruch. Von der Straße, am Zelt vorbei bis in die Küche der Hütte steht alles unter Wasser. Vier Kinder aus der Nachbarschaft, es sind Nichten und Neffen von Amy, kauern neben Großvaters Bett am Boden. Ich sehe, wie die Mutter ihren Ehemann in sitzende Haltung bringt. Dann füttert sie ihn mit Reis. Er kann seine Hände kaum gebrauchen, es reicht gerade mal ein Stückchen Keks abzubrechen und zum Mund zu führen. Er spricht laut und deutlich im Heimatdialekt Warai Warai, er kann sich aber auch in  Englisch mit mir unterhalten. Mir fällt auf, dass alle Leute Respekt vor ihm haben, nur der kleine neue Hund nicht. Der tut was er will, bis die Mutter ihn mit Futter anlockt, ihm einen Schlag mit dem Besenstiel verpasst und draußen anbinden geht. Sofort fängt der an zu kläffen, aber pausenlos mit einer alle Gespräche übertönenden Lautstärke. Dann wird er wieder hereingeholt und das Spiel beginnt wie gehabt. Innerlich könnte ich lachen, wenn es nicht so peinlich aussehen würde. Ob die Frau ihre acht Kinder auch auf diese Weise „erzogen“ oder „dressiert“ hat?

Dienstag, 24. Dezember 2013

Die Nacht wird für mich qualvoll auf dem harten Lager. Außerdem quält mich Verstopfung. Ich bin es gewohnt, von meinem Seniorenbett direkt in den Stand zu wechseln ohne jede Hilfsmittel. Da ich aber hier am Boden liege auf einer 2 cm dicken Matratze und sich im Raum nur eine Stützstange des Zeltdaches befindet, muss ich dorthin krabbeln und mich an diesem Gestänge hochzuwinden versuchen. Es erinnert mich spontan daran, wie ich meine Tochter Corinna dabei beobachtete, wie sie beim Erlernen des aufrechten Gehens ein Tischbein erfasste und sich daran hochhangelte, allerdings mit Aktionsanweisung von ihrem achtjährigen Bruder Lenard. Schließlich habe ich den Dreh raus, habe meinen Handyscheinwerfer in der Unterhose. Das ergibt soviel Licht, dass ich die Reißverschlusstüre erreiche und draußen in das Trümmergelände gelange, wo sich meinem Harnüberdrang Erlösung bietet. - So habe ich zu hören bekommen: Pissen dürfe ich überall, (es regnet ja auch mehr als es in jedem Urinal Wasser gibt) und scheißen dürfe ich überall im Wald. Hähähä, Wald? Kein Schritt ist sicher, wo auch immer ich versuche hinzutreten, da liegt Gerümpel. Und da soll einer in finsterer Nacht mit Handybeleuchtung einen Donnerbalken simulierend seine große Notdurft verrichten, trotz Verstopfung, eine halbe Stunde in Wartestellung? Und das am frühen Morgen des heiligen Abends? Da taucht sogar ein Glühwürmchen auf, nein es ist Glühhandylichtlein, ein Kontrolleur in der Nacht, was der da wohl macht. Wahrscheinlich hat er mich pfurzen gehört. – Der Druck im Bauch ist sowieso schon wieder weg, ein neuer Platzregen meldet sich an, da ziehe ich mich zurück ins Zelt – wie schön ist die Welt!

Am Morgen trinke ich viel, viel Wasser, wir fahren wieder zum Markt um Fisch und Gemüse zu kaufen. Da sehe ich einen riesigen Tunfisch, lasse mir eine Scheibe davon abhauen, denn ich esse Tunfisch gerne roh. Amy wäscht die Scheibe sorgfältig und ich alleine esse etliche Stückchen davon. Dazu trinke ich wie schon während des ganzen Aufenthaltes in diesem Dorf Whisky mit Mineralwasser. Es geht mir ganz gut, bis auf die Quälerei im Bauch. – Du fragst, ob die alle in den „Wald“ gehen zum Scheißen - haben die denn keine Toiletten?

Doch, die hamse! Der Taifun hat in einem Zementfußboden einen Porzellantrichter unzerstört überblasen, das muss wohl den tiefsten Ton einer Heldenorgel erzeugt haben. Die Schüssel hat sogar Anschluss an die Entwässerung. Das ist so ein zwölf Zentimeter hohes längliches Trichtergebilde, auf das sich die Notdurft Verrichtenden setzen – mit dem Rücken zur Türe, die aber nur durch einen dünnen wehenden Vorhang simuliert wird. Bei Regen ist dieser Vorhang durchsichtig wie eine Klarsichtfolie. Von der provisorischen Küche schaut jeder direkt auf den Vorhang und kann den Toilettenbesucher von hinten beobachten. Die Philippiner sind völlig frei von irgendwelchen Anwandlungen, wenn es um Stuhlgang oder Urinieren geht. Das ist schon mal gut, aber es hilft mir nicht, meine Verstopfung zu beenden. 

Ich erlebe einen Heiligen Abend von ganz besonderer Art. Mir ist direkt elend, ich bitte Amy, mich liegen zu lassen.

Ich schlafe ein, während die ganze Gesellschaft auf den wichtigen Zeitpunkt 24 Uhr wartet.

Mittwoch, der 24. Dezember 2013.

Das ist hier so wie der Sprung von Silvester in das Neujahr. So werde ich geweckt vom Lärm der Leute, die in diesem Zeitpunkt die ganzen Ewigkeiten zu sprengen scheinen mit lauten Rufen und Raketengedonner. Mein Bauch schmerzt schon wieder. Ich wende mich auf dem harten Lager hin und her. Gegen nulldreißig beschließe ich, die immer noch laut Feiernden aufzusuchen. Ich werde überaus freundlich begrüßt und bekomme Angebote, was zu essen. Mir steht der Sinn überhaupt nicht danach, ich trinke noch einen Whisky mit Mineralwasser und merke, die Leute bereiten sich aufs Schlafengehen vor. Merry Christmas. Ich verziehe mich auch auf das harte Lager und schlafe ein.

Dann, es muss so gegen 4 Uhr sein, denn die Hähne sind noch still, da spüre ich heftiges Rumoren in meinen Därmen, tappe nach draußen und versuche meine Füße in die Sandalen zu stecken. Da gibt es eine Explosion, mit knapper Not wende ich mein Hinterteil vom Gehsteig ab und eine Riesenladung geht ab in den Sand.

Amy schläft. Ich schlafe auch wieder ein. Bald krähen die Hähne und ich erzähle Amy, was mir in der Nacht passiert ist. Alsbald höre ich sie mit einem Spaten arbeiten. Da spüre ich neue Krämpfe im Bauch, beeile mich, diesmal die Toilette zu erreichen. Das klappt auch beinah, nur muss ich noch die Treffsicherheit erhöhen. Amy erscheint und spült mit viel Wasser die Bescherung ab (es ist ja Weinachten, von wegen Bescherung).

Ich will mich kurz fassen, meine hauptsächliche Beschäftigung am hochheiligen ersten Weihnachtstag besteht darin, die Diarrhoe zur Ruhe zu bringen, auch in die kommende Nacht hinein spukt und rumort es weiter in meinem Gedärme.

Ein Nachbar kommt mit einem sehr gut erhaltenen Rollstuhl, bittet mich, ihm diesen abzukaufen und dem Vater von Amy zu schenken. Abgemacht! Keine 20 Euro kostet mich das Prachtstück, das Amy auf Hochglanz poliert.

 



26. Dezember 2013. Tag der Abreise. Alles geplant. Packen, schnell gemacht. Frühstück. Abschiedsgeschenk für die Eltern. Tricycle anheuern – dauert was länger am Morgen des zweiten Weihnachtstages, denn nur wenige Leute sind schon reiselustig. Abschied auf philippinische Art – winke, winke, hello, bye bye, - nur den Eltern reiche ich zum Abschied die Hand – ich bewundere die Mutter, wie gelassen, aber kraftvoll sie ihr Schicksal trägt – Tricycle ist an der Straße – ein letztes Mal gehe ich von der Zauberhütte am Zelt vorbei – aber hier auf einem auf Steinen verlegten Brett – mit einem bereitstehenden langen Stab stake ich am Zelt vorbei, wie ein Gondoliero in Venedig, auf dem langen wackeligen Steg zur Straße hinüber – nur der Unterschied ist hier, dass meine Gondel ein bewegliches wackelndes Brett ist und ich selber schreitenderweise Richtung Straße hinke – man lacht – aber ich gelange, ohne Schlamm oder Wasser in die Sandalen zu bekommen, ans andere Ufer.

Natürlich sind wir nicht alleine im Tricycle, vollbeladen mit Koffern, Kisten, Taschen und Menschen startet der Fahrer seine Maschine, die kaum die kleinen Hügel zwischen den demolierten Kokosnussplantagen hinauf kommt. Junge Bananenstauden grüßen mit wedelnden Blättern – stumme Gesichter der am Wiederaufbau ihrer Hütten arbeitenden Menschen folgen uns mit großen Augen.

 



Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit,

und neues Leben blüht aus den Ruinen. 

In Guiuan angekommen haben wir bald einen VAN, in dem wir zum Flughafen bei Tacloban reisen können, diesmal bei Tageslicht. Amy sorgt spontan dafür, dass ich den Beifahrersitz bekomme, den einzigen Sitz im Wagen, wo ein Mensch wie ich seine langen Beine unterbringen kann. Drei Stunden durch die verwüstete Landschaft. Ich wage es inzwischen wieder, in einen Apfel zu beißen oder ein Stückchen Schokolade zu essen. Oh Schreck, wenn ich gestern hätte reisen müssen.

 

So schlimm alles auch hier aussieht, ich sehe: 

Neues Leben blüht aus den Ruinen.

Von Tacloban mit Tricycle zum Flughafen. Mit Zest-Air nach Manila. Mit Taxi nach Bacoor – Ildefonso Street – Apartment B: Alles okay – kein Einbruch, kein Rohrbruch, kein Brand – alles okay – und der Stromzähler hat fünf Kilowattstunden gezählt, eine pro Tag – das macht 18 Eurocent pro Tag.

Elliot Zeh - ljc – LJC – L. J. C. – Leonhard Johann Campen – Elliot Zeh

 

 Tagebuch eines alten Hochzeiters - Paranaque, Chateau Elysée, den 29. November 2015   Datei: 151129 – Tagebuch – Hosentanz

Oh ja, Leon ist ein alter Hochzeiter mit einer sehr jungen Braut, die kann bei mir alt werden. Ich schreibe dir einige Zeilen zu der beginnenden Prozedur einer Eheschließung in den Philippinen:
 
………………., in der letzten Nacht vor der Eheschließung will es der philippinische Brauch, dass die Brautleute die Nacht getrennt verbringen. So ist Amy, meine Braut, schon im Hotel untergebracht, wo morgen die feierliche Trauung stattfinden soll, während ich die letzte Nacht vor unserer Heirat alleine im Apartment im Chateau Elysée verbringe.

Nach Anbruch der Dunkelheit kommt mir, warum auch immer, der Gedanke, auch die Hose meiner neu geschneiderten Tracht anzuziehen. Das Jackett hatte ich schon anprobiert und ich war sehr zufrieden. Aber oh Schreck, der Hosenbund ist etwa 15 cm zu eng. Unmöglich, sich in ein solches Kleidungsstück hineinzupressen! Was nun? Ich rufe wiederholt die Hochzeitsplanerin an. Da meldet sich keiner. Schließlich kommt eine automatische Ansage, dass für den Anruf eine extra Vorwahl zu beachten ist, denn der gewünschte Gesprächspartner befinde sich in einem anderen Bezirk des Landes. Scheiße. Ich rufe Amy mehrmals an und sende SMS-Nachricht. Ich bekomme keine Meldung. Ich weiß wohl, wo sich das Hotel in Makati befindet, aber Amy hat mir den Namen nicht verraten. 
Was kann ich tun, wenn ich keine Abhilfe bekomme? Ich habe keinen Gürtel in der Wohnung, mit dem ich die Hose künstlich um meinen dicken Bauch zum Halten bringen könnte. Ich sehe gerade das 5 cm breite silbergraue Klebeband auf meinem Tisch liegen, das ich im Reisegepäck mitführe. Da ist auch eine Schere! Wenn ich nun die Hosennaht am Po auftrenne, dann den Schlitz mit diesem Klebeband überbrücke, und vielleicht auch vorne am Taubenstall zum selben Trick greife, dann könnte ich insgesamt zweimal acht Zentimeter Bunderweiterung erzielen und die Kuriositäten unter dem langen, feuerroten Jackett verbergen. Aber was dann, wenn es beim Tanz plötzlich heißt: Die Männer stellen ihren Frauen das Jackett zur Verfügung, oder wenn mir die Hose schlagartig auf die Füße rutscht? Neue Idee: Ich habe doch Hosenträger in der Schublade! Natürlich! Die kann ich auch unter dem Jackett verstecken. Oh weh! Jetzt fällt mir auf, dass mir das geplante Oberhemd nicht geschickt wurde. Jetzt ist es mir egal! Ich ziehe als Oberhemd ein Schiesser Unterhemd mit V-Ausschnitt an, darüber kommt die prächtige Hose mit den Hosenträgern und zuoberst das wunderschöne, feuerrote Jackett. 
Morgen soll ich abgeholt werden. Ich bin total sauer auf die Hochzeitsplanerin, die mir eine unbrauchbare Telefonnummer aufschrieb, und ich vermute, dass Amy schon schläft, das Handy vielleicht sogar abgestellt hat.
Paranaque, Chateau Elysée, den 29. November 2015, am späten Abend…………… ich grübele, ich spekuliere, ich lache … ich stelle mir vor, morgen erscheine ich zur feierlichen Trauung im feuerroten Jackett und schwarzer Hose, ohne Oberhemd, stattdessen mit einem doppelt geripptem Unterhemd von der Firma Schiesser; meine schwarze Hose hat hinten und vorne einen 8 cm breiten Schlitz, der mit silbergrauem Klebeband überdeckt ist und wird gehalten von meinen wunderschönen Breitband-Hosenträgern.
Was dann, wenn es im Festprogramm plötzlich heißt: Die Männer stellen ihren Frauen ihr Jackett zur Verfügung? Wer ist dann am meisten blamiert? Der Bräutigam in Spezial-Montur: Geflickte Hose an Breitband-Hosenträgern auf doppelt geripptem Unterhemd? Die Braut im feuerroten Jackett über ihrem Brautkleid?
Ich stelle mir vor, wie die Hochzeitsplanerin versucht, im Boden zu versinken oder zu stottern beginnt. Ich lache jetzt schon. Wie wird das Publikum reagieren? Jedenfalls stelle ich mich dumm, das kann ich gut, und ich erkläre diesen neuesten Modetrend.
Es ist schon neun Uhr am Abend vor der Hochzeit. Ich bekomme keinen Kontakt zur Hochzeitsplanerin und zu meiner Braut, die in einem mir nicht benannten Hotel übernachtet. Ausgebremst! Scheißegal! Morgen in der Frühe, das bedeutet hier „oder später“ soll ich abgeholt werden. Die werden staunen oder auch nicht.
Ich strecke mich aus auf dem Bett, aber ich kann nicht einschlafen, was du sicherlich verstehen kannst. Da höre ich plötzlich mein Handy knurren. Eine SMS von Amy, ob die Hose denn zu weit sei. Auweia! Auweia! Mir vergeht das Lachen. Wir simsen hin und her, schließlich ist der Groschen gefallen, dass die Hose zu eng ist. Ob die denn wirklich viel zu eng ist? Auweia, auweia! Ja, sie ist viel zu eng, ich könnte ohne Hose escheinen, der schöne feuerrote Rock ist ja sehr lang und verdeckt meine Schamregion, reicht sogar bis zu den Knien, wo dann meine Bekleidung in die beigefarbenen Stützstrümpfe an meinen Unterschenkeln hinübergeht, bis hinunter in meine neuen schwarzen drei-euro-fünfzig teuren neuen Plastik-Wegwerfschuhen.
Wir simsen weiter. Alsdann erkennt Amy den Ernst der Lage, kontaktiert ???, ich weiß nicht wen sie alle versucht zu kontaktieren. Ich kann nur vermuten, dass auch die 20 km entfernt wohnende Hochzeitsplanerin Wind bekommen hat von der Misere. Noch `ne SMS: Zwei Frauen sind aufgetrieben worden, die mich besuchen kommen werden, um die Hose zu begutachten. Ich soll warten, nichts rührt sich außer dem Uhrzeiger auf der Bahnhofsuhr an der Spiegelwand vor mir. Hahahahaaaaa! Besonders der Sekundenzeiger ist beeindruckend!
Endlich! Klopf klopf! Zwei Frauen stehen an der Türe. Die Hochzeitsplanerin ist nicht dabei, die hat wohl keine Courage oder ist zu weit weg. Aber ich erkenne sogleich die beiden Schwestern von Amy: Josephine und Jesibel, das corpus delicti - meine „Blue Jeans“ vorzeigend, wonach meine schwarze Hochzeitshose bemessen worden sei. Verflucht nochmal! Die hat doch einen Gummizug, sonst könnte ich die auch unmöglich um meinen Fettwanst schließen! Und die Hochzeitsplanerin war doch selbst hier, meine Figur zu vermessen.
Ich gehe ins Schlafzimmer die Unfallhose anziehen, komme den offen stehenden Hosenbund ( bei uns zuhause auf der Renneperstrasse nannten wir es „Taubenstall“) mit zwei Händen haltend zurück: Die Damen sind entzückt – zeigen es aber nicht – woher ich es denn weiß, dass sie entzückt sind – sie atmen sehr tief – der Vergleich mit meiner Blue Jeans erklärt das Desaster – die Hose muss 15 cm weiter sein im Bund – und die Hosenbeine 12 cm kürzer. Jetzt steh ich da. Do kiekste wa!
Natürlich sind beide Frauen mit den hier üblichen elektronischen Geräten ausstaffiert und gleich geht das Geschnatter in der Landessprache „Tagalog“ los, das klingt, wie wenn du in eine Blechdose einige taubeneiergroße Steine gibst und dann die Dose lose haltend kräftig schüttelst: Taggetiggetiggettaggitagaticktingtiggitickitigagagat.
Nicht lange, die Damen stehen auf, ich soll warten, sie wollen - ??? – irgendwas wollen sie bestimmt. Ich bekomme nur zu hören „WAIT“ – „WARTEN SIE“ - Sie gehen. Es geht auf Mitternacht zu!
Inzwischen ist es Montag, der 30. November 2015 – unser feierlicher Heiratstag. Um fünf Uhr soll ein Kamerateam kommen, den hoffnungsvollen Bräutigam fotografieren und filmen, wie auch immer das gemeint ist.
Irgendwann nach Mitternacht: Klopf-klopf! Josephine und Jesibel erscheinen mit einer schwarzen Hose auf dem Arm, die ich anprobieren soll. Tatsächlich, sie haben eine XXXXXL-formatige Hose irgendwo herausgeholt in der Nacht, die kriege ich so gerade über meinen Fettwanst gespannt, so dass ich keine Hosenträger brauche. Aber 10 cm zu lang ist diese American Size Hose. Das ist aber kein Problem: sie wird einfach nach innen umgesteckt und befestigt, wie ich vermute, denn die Damen fummeln gemeinsam in meinen Hosenbeinen herum und strahlen dann freudig, als ich in meinen neuen schwarzen drei-euro-fünfzig teuren neuen Plastik-Wegwerfschuhen einige Schritte im Apartment umherstolziere. Ich werfe mir das feuerrote Jackett über, betrachte mich im Wandspiegel: Da fehlt nur noch ein weißes Hemd, sonst wäre alles okay. Ach ja, Hemd und Krawatte würden noch gebracht, dat saren se, aber auf Amerikanisch. Wann und vom wem Hemd und Krawatte gebracht werden, das wissen sie nicht.
Was mache ich mit dem Restchen Nacht bis um fünf, wenn das Kamerateam kommen soll? Ich versuche zu schlafen, mich wenigstens ein wenig zu entspannen. Schon schlafe ich, wache aber um vier wieder auf, weil ich träumte, es habe geklopft. Dann döse ich halt noch bis zum klopf klopf. Leon, du bist saublöd, hast du immer noch nicht gelernt dass die Uhren in den Philippinen sehr individuell gehen? Mal vorwärts, mal rückwärts – meistens langsamer als in der westlichen Welt - Endlich um sieben Uhr rührt sich draußen was. Ich schaue nach: Fünf Menschen stehen im Flur, alle ohne Waffenschein, aber bewaffnet wie die Scharfschützen, bewaffnet mit Kameras aller Art und Kisten voll mit weiterem Zubehör. Ich möge mich anziehen für ein Photoshooting im Gebäude. Ich mache gehorsam mit. Vier Männer umkreisen mich im Flur und eine kleine zierliche Frau scheint das Sagen zu haben, was ihre Trabanten zu tun haben.
Wo ist denn mein Hemd? Habt ihr noch nicht gesehen, dass ich ohne Hemd und Krawatte umherstolziere? Wenn du dir demnächst mal die Fotos von diesem SCHUUTING ansiehst, darfst du laut lachen, wie ich da in Hochzeitsmontur mit einem Baumwoll-Doppelripp-Schiesser-Unterhemd am Hals ernste Miene mache.
Ich bin ja mal gespannt, wie die ganze Prozedur sich weiter entwickelt. Das Kamerateam rückt nach einer Stunde ab. Tschüss Leon! Geh mal wieder in deine Kajüte. Tu ich.
Um 10:30 soll der Zirkus beginnen. Vorher soll ich abgeholt werden. Ich denke, die werden es nicht wagen, die ganze Zeremonie ohne meine Anwesenheit veranstalten zu wollen. Ich bin stolz darauf, ich fühle mich richtig wichtig, Bräutigam mit Baumwoll-Doppelripp-Schiesser-Unterhemd am Hals.
Um 9:30 Uhr geht die Party richtig los, jedenfalls für mich. Ein junger Mann klopft an meine Türe, hat ein weißes Hemd und eine schwarze Krawatte in der Hand, ich soll mich ankleiden und runterkommen, man warte drunten auf mich. Ich denke gerade, die haben tatsächlich nicht vergessen, dass die Veranstaltung nicht geht ohne mich. Ich fummele mir das Hemd an den Leib, Schrecklich, die Knöpfe gehen nur mit List und Tücke durch die Schlitze, besonders an den Ärmeln zwickt es. Aber das Hemd passt, sogar über meinen dicken Bauch legt es sich zwanglos. Ich lasse den obersten Knopf am Hals offen, denn ich will nicht ausprobieren, ob ich noch Luft bekomme, wenn ich den obersten Bengel auch zu schließen versuche. Wer weiß, ob ich dann nicht ersticke. Eilig geht es runter mit dem Aufzug (müsste in dieser Situation besser Abzug heißen) – vor dem Portal meines Klusters mit dem schönen Namen „Eiffel“ im Kondominium Chateau Elysée wartet ein Kleinbus auf mich. Ein Polizist öffnet mir die Tür zum Beifahrersitz, schon sitze ich im klimatisierten Innenraum des Transportes, habe kaum die Möglichkeit, die Leute hinter mir zu begrüßen, geschweige denn anzuschauen, denn ich habe keinen Eulenhals, der sich um 270 Grad in beide Richtungen drehen kann – nein ich bin ein alter Mann, der die Schultern drehen muss, wenn er etwas nach hinten schauen will. Aber hier auf dem Beifahrersitz fehlt mir dazu die Bewegungsfreiheit unter dem Sicherheitsgurt. Darum rufe ich einfach „Good Morning“ in der Hoffnung, dass alle Englisch verstehen.
Der Hosentanz hat seine Pflicht getan, der Hosentanz kann gehen. An seine Stelle tritt jetzt der Tanz im ChaChaCha-Rhythmus: Die Trauung

 

ChaChaCha - Hochzeitstanz


Hast du gelesen Tagebuch „Hosentanz“? – Musst du auch nicht unbedingt gelesen haben. Es geht darin um eine viel zu lange, schwarze, viel zu enge Hose, die der Hochzeiter unmöglich anziehen kann. Das bemerkt er erst in der Nacht vor der Hochzeit, die er nach Philippinischen Brauch alleine verbringen muss. Das wird heiter und endet am heutigen Morgen, dem Hochzeitstag, an dem ich soeben abgeholt werde, um mich zum Festhotel in Makati befördern zu lassen. Ob jetzt alles glatt läuft? Das frage ich mich im Ernst.

Sieben Kilometer Luftlinie, dafür rechnet man hier ca. eine Stunde Stop and Go im alltäglichen Havy Traffic. Ach, ich erkläre es besser auf Deutsch: Unser Fahrer hat einen Kleinbus für 8 bis 12 Personen (plus-minus?) im Griff, dan er als Element einer teuren Blechlawine zu bewegen hat. Mir scheint, die Karre hat vorne Riechzellen wie eine Hundenase und glaubt, das Gefährt vor uns sei auch ein Hund, an dessen After er unbedingt schnüffeln muss. Ja, so nah fährt unser Chauffeur jedes Mal an den Vordermann heran, wenn wir wieder einmal nach einem Meter erfolgreichen Vorwärtskommens abrupt stoppen müssen. Schnüffli, Schnüffli – ob unsere Karre ein männliches Auto ist und vor uns das eventuell ein weibliches ist, wegen der geschwungenen Konturen? Ist ja auch egal, wir schnüffeln uns vorwärts, eine Stunde Zeit haben wir für sieben Kilometer Schnüffeli-Kontrollen.

Hinter mir auf den überbesetzen Plätzen klappern die Kieselsteine in den Blechdosen, so hört es sich jedenfalls wieder an, wenn ein ganzes Rudel einheimischer Naturmenschen sich unterhält. Es klingt froh, heiter, gelassen, … das stimmt mich auch froh und heiter. Und die Temperatur im Innenraum ist auf angenehme 25 Grad heruntergekühlt, derweil es draußen um die 33 Grad ist.

Meine Braut, die Amy, sitzt bestimmt auch nicht draußen in der Hitze, sondern bereitet sich in ihrem Zimmer auf den lebenswichtigen Akt vor, genannt Eheschließung.

Da!!! Endlich!!! Stopp!!! Wir stehen vor eine Schranke in der Nähe eines unglaublich hohen Gebäudes. Uniformierte Männer, oder sind auch Frauen dabei, das kann ich in dieser Überraschung nicht einmal erkunden, Es sind Kontrolleure, sie beäugeln mich und jeden von uns, und was du kaum glauben magst, sie haben so etwas wie Spiegel oder Detektoren an langen Stöcken, mit denen sie das Fahrzeug von unten ausspionieren. Oder haben die auch so etwas wie Schnüffelnasen an den Stöcken, mit Riechzellen zum Aufspüren von Drogen und Sprengstoffen? Angst habe ich keine vor dieser beeindruckenden Meute, im Gegenteil, da ihre Gesichter regelrecht zu leuchten beginnen, fühle ich mich geradezu geehrt.

Die Schranke hebt sich, unser Transporter bewegt sich langsam wie ein Messdiener im Altarraum auf das besagte unglaublich hohe Gebäude zu.

Shangri-La steht oben hoch an einer geschwungenen Fassade etwa im siebten Stockwerk. Hier ist alles geschwungen, die überdachte Terrasse vor der Eingangsfassade, der Bürgersteig, die Überdachung … Wir dürfen in der Mitte halten, so weisen uns die gemächlich stolzierenden Herren in nobelster Bekleidung an. Eine ganz besonders ernst dreinblickende Vaterfigur öffnet meine Türe, streckt mir seine Hilfe anbietende Hand entgegen, der ich sofort meinen Stockschirm anvertraue, denn dieses Utensil begleitet mich seit langer Zeit. Er erkennt meine Unsicherheit beim Aussteigen vom tiefliegenden Sitz in die aufrechte Haltung zwecks Fortbewegung auf den eigenen Füßen und gibt mir ehrerbietend Halt.

Da stehe ich nun unter der Überdachung, vor der geschwungenen Eintrittsfassade auf dunklem Marmor vor unserem Hochzeitshotel Shangri-La. Ich schaue um und sehe gerade noch, wie unser Kleinbus sich etwas in die Höhe reckt, derweil ihm die enorme Überlastung einer Menschenmenge entsteigt. Wer zu wem gehört oder nur zugelaufen ist entzieht sich meiner Erkenntnis. Jedenfalls gehören die mich an Funkenmariechen aus dem Kölner Karneval erinnernden Mädchen und Knaben zum Personal des Fünf-Sterne-Hotels Shangri-La, wo unsere Trauung geplant ist. Zehnuhrdreißig, das bedeutet vielleicht zehnuhrsechzig, zehnuhrsiebzig oder noch später soll die Zeremonie beginnen. Langsamen Schrittes bewegen wir uns alle auf die von den Funkenmariechen bewachten Türen zu, die sie uns geflissentlich öffnen, sobald einer eintreten will. Oh wie schön: kühler Wind kommt aus der Eingangshalle, ich atme tief und staune, wie es darinnen aussieht. Eine Riesenhalle mit schweren Teppichen am Boden wird erleuchtet von unzähligen Lichtlein an Kronenleuchtern, Säulen und Wänden. Alles ist ohne Kanten, alles ist fließend. Zur Rechten wie zur Linken kommt je eine in zwei Kaskaden geteilte, fast schwerelos wirkende Treppe heruntergeflossen. Überall meterdicke Rundsäulen tragen die riesige Kuppel über der ganzen Eingangshalle. Leise Musik erfüllt den Raum, leise Menschenstimmen und kaum hörbare Schritte der Gäste und Diener vom Personal fügen sich harmonisch in die Melodien.

Eine Dame begleitet mich mit der Bitte, auf die Sesselgruppe mit den roten Lederpolstern im rechten Areal der Halle zuzusteuern und Platz zu nehmen. Dort lasse ich mich gemütlich in die Poster sinken, meinen schwarzblauen Stockschirm in der Rechten haltend und meinen linken Ellenbogen auf die weiche Armlehne des guten Möbelstückes absenkend. Meine Begleiterin lässt sich im Sessel zu meiner Linken nieder und erweist sich alsbald als gute Gesellschafterin. Aufmerksam, zurückhaltend, ruhig reagierend spricht sie mit mir wie eine geschulte Psychotherapeutin.

Es ist neunuhrdreißig, eine Stunde vor dem programmmäßigen Beginn der feierlichen Handlung. Von der ganzen Unterhaltung hier im roten Sessel soll mir nur eine Situation in Erinnerung bleiben, nämlich, dass die gute Frau meine Ermüdung bemerkt und mich darauf anspricht. Ich erzähle ihr spontan, dass ich früher als Lehrer im Konferenzzimmer während der Sitzung eingeschlafen bin – und schon schlafe ich auch hier im butterweichen Sessel, dann plötzlich schaue ich auf meine Armbanduhr, die wohl einen Hüpfer von zwanzig Minuten gemacht haben muss, derweil ich schlief, meinen nächtlichen Schlafmangel abarbeitend.

Endlich, kurz vor elf, nähert sich eine ganze Meute Leute, darunter sind einige bekannte Gesichter (ich muss hier einfügen, dass wir eine geschlossene Gesellschaft sind von 25 Personen und sich nicht beliebig viele am Rande ansiedeln in der Erwartung auch etwas abzubekommen, wie das in den Philippinen sonst draußen üblich ist, aber auch hier habe ich keinen Überblick, wer dazu gehört) Die Hochzeitsplanerin schaut mich fragend an, sie vermisst meine Krawatte, die lange, schmale, schwarze Krawatte. Die war doch bei deinem Hemd. Ich habe keine Ahnung, wo die geblieben ist. Ich versichere der Frau, dass ich sowieso seit vielen Jahren ohne Krawatte gehe. Dann brauche ich heute auch keine. Darauf bewegen wir uns hinüber in einen Flur mit vier Aufzügen.

Mir geht es gut. Sogleich steigen alle in derselben Etage aus, auch hier sind alle Wände gebogen, wir haben Blick durch eine gebogene Fensterwand auf die Bauten gegenüber der Straße, wir erreichen eine doppelflügelige Türe, die unmittelbar bei meiner Annäherung geöffnet wird: Ein festlich geschmückter, hier mal ein rechteckiger Raum mit geraden Wänden, ausstaffiert für die Trauungszeremonie und die Feier aller bei einem Mittagsbuffet. Ich stehe noch in der Eingangstüre, ein mit einem bunten Teppich ausgelegter Gang, gerahmt mit Blumengestecken zur Linken und Rechten zeigt auf eine kleine mit vielen Blumen geschmückte Empore an der gegenüberliegenden Fensterwand.

Es ist so geplant, dass die Trauung und das gemeinsame Essen im selben Raum des Shangri-La Hotels stattfinden. Deshalb ist der Bereich extra für uns hergerichtet worden mit den Möbeln, dem Gestühl, den Tischen, der Empore und dem ganzen frischen Blumenschmuck in allen bunten Farben. Viele farbenreiche Lichtlein aus winzigen Lämpchen schauen von der hohen Decke und den Wänden auf das Geschehen am Boden herab.

Der blumenumrandete und mit einem bunten, langen Läufer ausgelegte Mittelgang trennt den Raum in zwei Hälften. Auf jeder Seite hat es zwei große runde Tische mit Platz für neun rot gepolsterte Stühle. Als Mathematiker zählt es in mir automatisch, es sind offensichtlich mehr als 25, jedoch mit 36 Plätzen scheint eine obere Grenze erreicht. Die Tische sind gedeckt: Teller, Essbesteck, Trinkgläser, Blumen auch hier. Namensschilder als Sitzordnung? Nein, aber jeder Tisch hat einen Namen: Barbo, Baguiu, Boracay, La Union. Aus diesen vier Regionen kommen die Hochzeitsgäste. Nur, bisher sitze ich alleine an dem Tisch „Barbo“, wo Amy zuhause ist und wo ihre Eltern, das sind meine zukünftigen Schiegereltern, wohnen, die leider nicht anwesend sein können, weil der Vater querschnittgelähmt ist und von seiner ihn pflegenden Frau ständig begleitet werden muss. So können sie unmöglich die siebenhundert Kilometer, mit welchem Verkehrsmittel auch immer, von Barbo nach Makati reisen, und der Vater soll deshalb geweint haben.

Jemand erklärt mir, man warte auf den „Judge“, was wörtlich übersetzt „Richter“ heißt, bei uns in Deutschland wohl „Standesbeamter“ genannt wird. Man bittet mich in Richtung Empore mitzukommen, auf die ich wegen der scheinbaren Zerbrechlichkeit nicht alleine besteigen darf, sondern nur mit Hilfe freundlicher Hände. Natürlich habe ich meinen Stockschirm wie immer dabei und es klappt einwandfrei, die drei Stufen nach oben zu überwinden. Ich darf hier sitzen und habe guten Überblick über das Sälchen. Leise, ruhige, beruhigende Musik geht schon die ganze Zeit durch den Raum, die Plätze füllen sich mit meist jungen Leuten, aber auch ältere Gäste und Kinder sehe ich.

Die Eingangstüre wird geschlossen, es wird geredet in der Landessprache, natürlich spüre ich die schwarzen Augenpaare der Wartenden auf mich gerichtet, schwarze Augen haben sie die Eingeborenen, es sei denn es hat Europäer im Stammbaum. Ich hörte, eine Philippinerin habe Aussicht „Miss World“ zu werden, deren Vater ein Deutscher und deren Mutter eine Philippinerin ist. Meine Verlobte Amelia Gayoso Dagat ist Philippinerin und wird einen Deutschen heiraten - - - die Leute haben gute Ideen: Eure gemeinsamen Kinder müssten doch ausgezeichnet gute Qualitäten bekommen - - - warum auch immer - - - tatsächlich kursieren solche Ideen in aufmerksamen Köpfen - - - Ideen, die auch in meinem Gehirn umherkreisen, während ich mich von den vielen schwarzen Augen im Raume liebevoll beobachtet fühle. Aber dazu kann und will ich hier nicht Stellung nehmen. Denn die Musik wird auf sehr leise gedrosselt, ein Tusch verkündet, nicht wie in der Bibel „Wohlauf, der Bräutigam kommt!“ hier kommt die Braut zum Bräutigam. Die doppelflügelige Türe am Eingang zum Saal öffnet sich und ich sehe Amy am Fenster des Flures stehend, wie sie lächelnd in ihrem Brautkleid zu uns hinein blickt. Ich erhebe mich und alle tun es gleich.

Das fünfköpfige Kamerateam wird aktiv. Schrittchen für Schrittchen kommt meine Braut näher, muss auf Befehl der Bilder und Filme Schießenden anhalten, darf weiter schreiten, wieder anhalten, eine Darbietung viel schöner als eine Frau mit einem neuen Kleid auf dem Laufsteg einer Modenschau. Bald ist Amy an der Empore angelangt, wird auch mit freundlichen Händen unterstützt, die drei Stufen zu mir mit ihrem Reifrock zu überwinden. Erstmalig sehe ich, dass sie ihre langen schwarzen Haare zu einem Knoten mit einer Blume daran gesteckt hat. Vor ihrer Brust trägt sie einen Blumenstrauß, der das Oberteil ihres bunten Brautkleides meist verdeckt. Von der Taille hinunter weitet sich ihre Bekleidung in einem bläulichen Vlies bis zu den Füßen, wo ein großer Reif die Weite garantiert. Wir schauen uns an. Wir lachen, lächeln verschmitzt, verlegen oder überlegen. Inzwischen wird das Podest umfunktioniert und es entsteht Platz für uns zur Rechten vor einem Tisch mit zwei Stühlen davor: Amy zu meiner Linken und ich sitze rechts von ihr. Es geht zur Sache.

Die Frau „Richterin“ oder Standesbeamtin begrüßt uns herzlich und beginnt mit dem Akt der Trauung. Die Ansprache zu Sinn und Zweck der Ehe klingt so ähnlich wie bei uns in Deutschland. Ein Knabe kommt aus dem Publikum und bringt unsere Eheringe, ein Mädchen bringt einen Blumenstrauß. Doch schnell kommt die Beamtin zu der Zeremonie, dass sie mich fragt, ob ich freiwillig hergekommen bin, um Amelia zu heiraten. „Yes“ sage ich. Darauf fragt sie Amelia das gleiche, ob auch sie freiwillig hergekommen ist um Leonhard zu heiraten. Sie hält das Mikrophon an Amys Mund und alle hören ihr „Yes“. Es folgt unser öffentlicher Kuss, von den Fotografen und den Gästen verfolgt und dokumentiert. Irgendwie hat sich während dieser Zeremonie in mir die Zeitempfindung aufgelöst, ich weiß nicht genau, in welcher Reihenfolge sich alles abspielt. Amy und ich legen noch unsere Hände aufeinander, die Beamtin spricht weiter auf Englisch viele Segens- und Mahnungsworte und kommt schließlich zur Unterzeichnung der Heiratsurkunde. Dann folgen die Zeugen für ihre Unterschriften, es sind deren mehr als wir es in Deutschland gewohnt sind, wo inzwischen eine Trauung auch ohne Zeugen erfolgen kann. Wir sind nun verheiratet und Amy hat den Namen Amelia Campen angenommen. Es wird gefeiert.

Die Tribüne wird umgeräumt. Amy und Leon bekommen auf der Empore Sitzplätze hinter einem Tisch mit Blick in den Saal. Die Gäste beeilen sich mit ihren Tellern nach draußen zu strömen, dort wo in langer Reihe das Buffet angeboten wird. Wir beiden hier oben werden bedient, der Oberkellner bringt auf einer Platte eine komplette Auswahl vom Buffet, wir dürfen wählen. Doch gleich springt Amy auf, es gibt so allerlei Belustigung während dem Essen. Ich aber esse ruhig weiter, denn übermorgen wären es schon drei Tage für mich geworden ohne Nahrung zu mir zu nehmen. Amy tanzt mal mit diesem Grüppchen, mal mit einem anderen Sortiment aus der Gästezahl. Den großen, dreigeschossigen Schwarzwälder Hochzeitskuchen aber schneiden Amy und ich gemeinsam an. Die Kameraleute lassen sich nicht lumpen im fotografieren und Video aufnehmen.

Bald sind wir beiden wieder auf der Kommandobrücke, der Tisch muss weg, man will uns sehen, denn es tönt „Kiss please“ – more – mehr – auch wir lassen uns nicht lumpen unter großem Beifall. Da! Aus den Lautsprechern ertönt weder die deutsche noch die philippinische Nationalhymne, sondern es singt Heino: „Hoch auf dem gelben Wagen“. Ob ich das Mikrophon haben möchte, zum Mitsingen? Nä! Ich lass dem Heino sein Lied alleine singen. Die Leute wollen, dass ich mit Amy tanze. Sie schaut mich sehr verlegen an, doch ich kann sie überreden, zum ersten Mal in unserem Leben ohne Vorübungen mit mir auf der Bühne zu tanzen. Es ertönt ein ChaChaCha. Wir tanzen zwar jeder seine eigene Idee, fassen mal diese, mal jene Hand, wechseln im Kreise, schauen uns über die Schulter an, während wir weiter hopsen. Wir ernten großen Applaus. Es gibt für die Erwachsenen ein Glas Rotwein zu erheben, und alle Glückwünsche für das Brautpaar übertönen die Musik.

Noch nicht ganze drei Stunden sind vergangen, da beginnt die Auflösung der Versammlung. Es soll noch gefilmt werden, aber draußen auf der Wiese. Da herrscht Windstille bei dreiunddreißig Grad am 30. November des Jahres 2015.

Auch das überstehen wir so lala. Mir wird leicht schwindelig im Kopf, aber mein Stockschirm und aufmerksame Diener verhindern das Abschmieren des Hochzeiters. Nach weiteren zwanzig Minuten „photoshooting“ darf ich wieder in das wohl gekühlte Innere des Shangri-La Hotels eintreten.

Hier sehe ich die Kellner mit Plastikdosen hantieren, sie bieten den Abschied nehmenden Gästen an, von den vielen Überbleibseln des Büffets mit nach Hause zu nehmen. Mir hat es sehr gut geschmeckt, aber davon mit in unsere Bleibe zu nehmen, das wollen wir beiden nicht. Schließlich haben die Kellner alles Essbare unters Volk gebracht.

Was macht man mit einem solchen angebrochenen Tag wie dem unsrigen, heutigen? Ich habe keine Ahnung. Vielleicht eine Fahrt ins Blaue? Aber irgendeine eine Ahnung habe ich doch.